Druckschrift 
4 (1887)
Seite
531
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 531

mit grossem Geschick zugänglich gemacht hat: auch hier naive,zutrauliche, aus der Tiefe der menschlichen Seele geschöpfteGedanken. Es liegt etwas Schönes und Erquickliches in diesemZusammenklang der lyrischen Poesie, die jedes Volk ausströmt,ein jedes versteht. Ich rede hier nur von der Volksdichtung;sobald eine einseitige, nur einer bestimmten Lebensrichtungoder einem abgesonderten Stand eigene Bildung sich der lyri-schen Poesie bemächtigt, so verliert sich diese allgemeine Be-deutung. Wir haben ein glänzendes Beispiel an den Minne-liedern des dreizehnten Jahrhunderts, die bei aller Tiefe desGefühls und aller Zartheit des Ausdrucks doch nur aus einerbesonderen Bildung in einem bestimmten Zeitraum hervorgiengenund keine allgemeine Geltung gewinnen konnten. So könnensie auch nur von dem Gesichtspunkt jener Zeit verstanden undin ihrem Werth erkannt werden.

Wenn die lyrische Volksdichtung an keine Vergangenheitgeknüpft ist und immer von neuem aus sich selbst beginnt, soweist die epische beständig auf ein Früheres, Vorangegangeneshin, und wir besitzen kein einziges Denkmal, das als das ur-sprüngliche oder als die erste Grundlage könnte betrachtet wer-den. Nach dem Zeugnis des Erhaltenen zu urtheilen, warendie ersten Gegenstände sinnbildliche Darstellung geheimnisvollerGedanken über die Erschaffung, das Bestehen und den Unter-gang der Welt. Hier erscheinen die Naturkräfte als mensch-liche oder doch immer als lebende organische Wesen, die mitWundergaben ausgerüstet sind und die man Götter nennt; ab-stracte Darstellung des Übersinnlichen kommt nicht vor. Aberdiese Götter, unter sich in Kampf und Streit, sind thätig undhandeln, und da hierdurch Gelegenheit gegeben ist, wirklichGeschehenes einzumischen, so tritt in diese mythischen Gedichtegleich ein geschichtliches Element ein. Solche mythische Ge-dichte hat Deutschland so gut gehabt als der Norden, wo beilängerer Fortdauer des Heidenthums sich eine zusammenhän-gende Darstellung in der Edda erhalten hat. Was diese Ge-dichte besingen (eins der ausgezeichnetsten ist die Völuspä, dieWeissagung der Völva 1 )), ist im Ganzen und Grossen auch

') In der Kopenhagener Ausgabe der Edda.

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