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4 (1887)
Seite
530
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530 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.

sehen Dichtungen entspringen aus dem Epos (Brocken von demGastmahl Homers nannten sie die Alten), wenn das Bewusst-sein der dichterischen Kraft und ein ordnender Verstand hinzu-tritt, der die Ereignisse einer bestimmten Idee unterwirft unddieser gemäss umbildet. Das Epos trägt seine Idee unbewusstin sich, während sie in dem Drama absichtlich alle Glieder desGanzen durchdringt, das eben deshalb in seiner Vollendung dasHöchste erreicht, was menschliche Kunst vermag. Noch spätererscheint die didaktische Poesie, der gehobene, gesteigerteund durch die Beschreibung ruhender Zustände belebte Aus-druck sittlicher Wahrheiten. Die didaktische Poesie belehrt un-mittelbar. Da aber die wahre Poesie nie darauf ausgeht, unmit-telbar Lehre zu ertheilen, sondern erwartet, dass aus de r Dar-stellung des wahrhaften Lebens die Lehre von selbst in derSeele erwachse, so ist 7as didaktische Gedicht schon in derWurzel von der Poesie geschieden. Die echte Poesie verwendetdas gewonnene Gold zu kunstreichen Gebilden; die Lehre prägtes in Geld aus, dessen Werth angegeben wird, das in Umlaufkommen und unbedingt angenommen werden soll. Etwas An-deres ist Belehrung über äussere Dinge, die der Inhalt desEpos manchmal nöthig macht, wenn z. B. von der Mauer herabdas Heer des Feindes betrachtet wird und die Namen der Hel-den und Völker, ihre Feldzeichen genannt werden, oder wennBrunhild in der Edda den Sigurd über die Zeichen und Kraftder Runen unterrichtet.

Die lyrische Poesie hat in gewisser Art keine Geschichte,ich will sagen, keine fortschreitende Entwicklung. Der Aus-druck des rein menschlichen Gefühls zeigt Übereinstimmung,wo wir den Blick hinwenden. Man braucht nur die Stimmender Völker in der Herderschen Sammlung anzuhören, um sichdavon zu überzeugen. Die lyrischen Gedichte der Serben*) sindso einfach, wahr und natürlich, und zugleich so tief empfun-den, dass Goethe sie könnte gedichtet haben. Dasselbe gilt, umin einen anderen Welttheil überzuspringen, von einem Theil derchinesischen Lieder, die Rückert (unter dem Titel Schiking)

J ) Gesammelt von VVuk, übersetzt von Talvi [T. A. L. v. Jacob].