EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 529
Geschichte und dem inneren Werth reden und die nöthigenliterarischen Nach Weisungen geben.
Die Poesie ist die Schatzkammer des menschlichen Geistes,
in welche er niederlegt, was er im Leben gewonnen hat. Siegleicht dem reinen Gold, das nicht verwittert; denn sie hat dasAuffällige, Unwahre und Vergängliche ausgeschieden. Sie er-hebt die Ereignisse aus der Wirklichkeit in das reinere Lichtder Idee und gewährt ihnen damit ein höheres Dasein. Indemsie beides, Gedachtes und Erlebtes, vereinigt, trennt sie sichvon der äusseren Erscheinung, von dem, was wir Wirklichkeitnennen, dem immer etwas Beschränktes, man kann sagen Angst-liches anklebt. Sie unterscheidet sich von ihr wie der Abgusseiner Form von dem reinen, frei gearbeiteten Marmorbild. Erstnach und nach trennt sich von ihr die geistige Betrachtung alsPhilosophie, die Erzählung des Geschehenen als Geschichte,die ihre gesonderte Richtung verfolgen, während die Poesie inlebendiger Vereinigung erhält, was von aussen auf sie eindringtund was innerlich aus der Seele strömt 1 ).
Man hat bei der Sprache bemerkt, dass Verba die Grund-lage aller Substantiva seien, und daraus den Schluss gemacht,dass die epische Dichtung die älteste und ursprünglichste ist.Ich glaube das nicht. Der Eindruck der menschlichen Gefühleund Leidenschaften, den der unmittelbare Anblick der Naturhinterlässt und der in den lyrischen Gedichten sich äussert,ist mindestens ebenso alt als der Eindruck der Ereignisse, derin der epischen Dichtung sich abspiegelt. Schon in dem älte-sten Epos wird der lyrische Gesang erwähnt. Diese beidenDichtungsarten sind im Grunde die einzigen: die dramati-
x ) Lachmann über Otfried [bei Erscli und Gruber III, 7] p. 279 B [= KleinereSchriften I 453]: »Das Loblied auf König Ludwig III von Frankreich, die Hof-poesien unter den sächsischen und fränkischen Kaisern gehen überall gleich indie Erzählung über. Der Inhalt von Spottliedern wird uns immer so an-gegeben, dass etwas Schimpfliches darin sei erzählt worden. Selbst dieälteren Liebeslieder des zwölften Jahrhunderts haben meistens die Form derErzählung: Es stand eine Frau, Ich sah, Ich hörte, und die früheren„winiliod" sind gewiss sämmtlich in dieser Art gewesen.«
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