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4 (1887)
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.

findet, wo er niedersitzen kann, und an dem Leben in Wahr-heit und Liebe nicht theilnimmt. Um ein anderes Bild zu ge-brauchen, die Vergangenheit setzt sich wie eine harte und feste,oft rauh gewordene Rinde um den Stamm, aber unter diesemSchutz steigt der Saft aufwärts und treibt neue Äste, und wenndie Sonne günstig scheint, Blüthe und Frucht. Wer die Rindeunverständig abschälen wollte, würde den Baum zum Absterbenbringen.

Noch etwas erquickt uns in diesen Dichtungen, zumal ineiner gerne sich zurückziehenden, verbergenden oder einhüllen-den Zeit, die offene Stirne, die hier die Menschen zeigen, dieAufrichtigkeit des Herzens, die Wahrheit der Rede. Das Guteund Böse, edler Muth und rohe Tapferkeit, zarte, reine Gesin-nung und wilde Triebe erscheinen hier in jenen vielfachen Mi-schungen, die der menschlichen Natur eigen sind, aber in vollerFreiheit. Und über allem, als das höhere Ziel des Daseins,schwebt eine schöne Sittlichkeit und ein tief gegründetes Gefühlfür die Tugenden, deren der Mensch fähig ist.

Ich setze voraus, dass unter Ihnen auch manche sind, diesich dem eigentlichen Studium des deutschen Alterthums nichtwidmen können: diesen wünsche ich dieses Bild der Vorzeitso frisch und lebendig, als es meine Kräfte erlauben, vor dieAugen zu stellen. Ich wünsche, dass es Ihnen, in welche Ver-hältnisse Sie auch eintreten, welche Richtung auch Ihre Lauf-bahn nimmt, einen Eindruck hinterlasse, der ihnen förderlich,aufklärend, belehrend und belebend sei. Von diesem Gesichts-punkt bitte ich Sie meine Vorlesungen zu betrachten; diesesZiel schwebt mir vor, indem ich mich bemühe, es auf demWeg genauer Auslegung und Erklärung zu erlangen.

In der Einleitung werde ich zuerst das deutsche Volkseposbis zu der Zeit unseres Gedichts in seinen einzelnen Denk-mälern betrachten und die Hauptpunkte angeben, von welchenes zu beurtheilen ist. Damit behandle ich zugleich einen be-deutenden Abschnitt von der Geschichte unserer Poesie. Indemich zu unserem Gedicht übergehe, werde ich von dem Inhalt,der Zeit der Abfassung, dem Alter der Sage, Verhältnis zur