Druckschrift 
4 (1887)
Seite
527
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 527

Hierzu kommt, was ich vielleicht zuerst hätte hervorhebensollen, es ist seinem Ursprung wie seiner Fortbildung nach einvaterländisches Gedicht. Uns muss alles, was vaterländisch ist vnäher zu Herzen gehen. Wer die Geschichte der deutschenLitteratur kennt, weiss, wie oft durch die Nachahmung desFremden, die nur das Ausserliche zu erfassen versteht, edleTriebe niedergehalten worden oder verkümmerten. Nur wersicher auf eigenen Füssen steht, kann Vortheil aus der Betrach-tung des Fremden ziehen. Welch eine verrenkte Sprache hattedie äussere Nachahmung der griechischen und römischen her-vorgebracht, die so vortheilhaft wirken kann, wenn wir imStande sind den freien Geist der alten Sprachen zu erkennen!Aber diese gefesselte Nachahmung konnte auf den gesundenSinn keinen Einfluss gewinnen. Es ist erfreulich zu sehen, wiedie deutsche Sprache den fremden Putz, den man ihr von Zeitzu Zeit hat aufdrängen wollen, immer wieder abgeworfen hat.Nicht die Puristen haben mit pedantischen Gesetzen die Sprachegereinigt, sondern das-erstarkte Gefühl für das Vaterländische,nicht das Abwenden von anderen, sondern das Festhalten anuns selbst. Um den Werth des Fremden zu fühlen, müssenwir uns erst in die Gesinnung und die geistige Richtung einesanderen Volks versetzen lernen. Das wird nicht ohne Arbeit undMühe erreicht, jriunseifim Gedicht, wie manches auch vondem Leben, das es darstellt, verschwunden ist, spricht dochnoch v ieles unmittel bar zu uns; die zarten Farben, der feineDuft, der über ihm schwebt, das kann nur unter uns empfun-den werden. Mit tausend Fäden, oft leicht nur erkennbar, oftnur dem schärfer blickenden Auge sichtbar, verwebt es sichnoch in unsere Gegenwart. Das ist der Grund, weshalb jedesVolk, das ein tieferes Gemüth empfangen hat (und dieses Ge-müth ist einer der schönsten Züge in der Natur unseres Volkes),das Alterthum als einen Bestandtheil seiner selbst, als einen.Bestandtheil der frischesten Gegenwart erkannt und geehrt, hat..Wer jene Fäden zerschneidet, wer die Gegenwart, deren vollesRecht ich anerkenne, bloss mit dem heutigen Tag beginnt, mitjedem Abend sie endigt, der gleicht in seiner athemlosen Hastdem Unglücklichen, der ohne Heimath herumirrt, keine Stätte