526 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
sind Werke künstlerischer Besonnenheit, immer abhängig vondem Geiste des Einzelnen, der sie hervorbrachte, und nur denenzugänglich, die für die höfische Dichtung das Verständnis aus-gebildet und Sinn und Gefühl dafür erlangt hatten :/das Gedichtvon Gudrun ist unmittelbar aus dem Wesen eines ganzen deut-schen Volkes hervorgegangen, dessen lebensvolles Bild es unsin reinem Spiegel zeigt. Den längst in den Strom der Zeitversenkten Geist eines Volkes wieder zu erkennen und anschau-lich zu machen ist die Aufgabe der Alterthumswissenschaft,und dazu ist die Philologie nur ein Mittel, wenn auch ein aus-gezeichnetes und an sich edeles, ja, sie ist für uns der einzigeWeg, der uns zum Ziel leiten kann.
Gedichte wie die Gudrun und das Nibelungelied erschei-nen nur selten, aber bei allen Völkern, die eine Heldenzeit ge-habt haben: sie entstehen nur unter den Einwirkungen glück-licher Verhältnisse; sie entwickeln sich Jahrhunderte hindurchund scheinen einen unvergänglichen Bestand zu haben.. Sowachsen edle Bäume langsam und bedürfen langer Zeit, ehesie in Blüthe ausbrechen, während geringe Pflanzen ganze Fel-der bedecken und ihre gemeinen Blumen jeden Sommer neuhervortreiben. Ich weiss nicht, welches von beiden Gedichtenden Vorzug verdient; ich ordne sie nicht unter einander, ichstelle sie neben einander. Jedes hat seine eigenen Vorzüge.Wenn jenes den Heldengeist der früheren Jahrhunderte, derbei einem Volke erwacht, das sich als ein Ganzes fühlt und indie Geschichte eingreift, das den Kriegerstand über den erhebt,der den Acker bebaut und die Herde bewacht, wenn das Nibe-lungelied den Heldengeist in einem höheren Glänze zeigt undeinen tragischen Eindruck hinterlässt, so sucht das Lied vonGudrun als Schluss ein geordnetes, beruhigtes, der Gegenwartsich erfreuendes Dasein. Es eröffnet uns in warmer Nähe dashäusliche Leben; es offenbart uns das Gemüth edler Frauen.Nicht der Held, wie tüchtig und herrlich er auch geschildertwird, ist der Mittelpunkt, sondern eine Frau; aber ich weissnicht, wo die Hoheit der Seele, die sie mitten in der Erniedri-gung offenbart, mit solcher Schönheit, Tiefe und Wahrheitsonst geschildert wäre.