Druckschrift 
4 (1887)
Seite
525
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 525

Nationallitteratur (zuletzt 1837; der erste Band der neuesten Auf-lage 1845) mit Fleiss und Einsicht zusammengetragen. Ger-vinus grösseres Werk (in vier Bänden, zweite Auflage 18401842, dritte Auflage 1846) geht auf innere Geschichte. Es istdas erste Buch dieser Art, das, aus den Quellen seihst ge-schöpft, seinen Gegenstand mit ausgebreiteten Kenntnissen undnoch ausgezeichneterem Geist, mit einer seltenen Freiheit undUnbefangenheit der Betrachtung behandelt. Es trägt nicht wenigzur Verbreitung und Belebung dieser Wissenschaft bei. Ich binin vielen und in wichtigen Beziehungen anderer Meinung: esherrscht darin eine allzu persönliche Stimmung, und die darin auf-gestellten Analogien überschreiten oft das zuträgliche Mass undverlieren durch ihre Ausbreitung und allzu häufige Anwendungin meinen Augen Gewicht und Bedeutung; aber das hindertmich nicht den sonstigen Werth des Buches anzuerkennen.Auch der Auszug in einem Bande, der schon zwei Auflagenerlebt hat, befriedigt glücklich das Bedürfnis nach einer schnellenÜbersicht. Endlich zweifle ich nicht, dass die Vorlesungen, dieLachmann an der Universität über die Geschichte der alt-deutschen Poesie hält, ebenso gründlich gelehrt als mit scharf-sinnigen und glücklichen Gedanken angefüllt sind.

Meine Erklärung des Gedichts soll eine genaue, philologi-sche sein. Aber wenn ich bloss ein philologisches Ziel vor Augenhätte, so würde ich nicht das Gedicht von Gudrun zur Erklä-rung gewählt haben. Wir besitzen andere, auch ausgezeichnete,ja, in ihrer Art treffliche Werke, wie z. B. Hartmanns von Aueund Wolframs von Eschenbach, die in kritischen Ausgaben einenmusterhaften Text gewähren, während von unserem Gedicht nureine einzige spätere Handschrift erhalten ist, und die an sichachtungswerthe Ausgabe, die ich zu Grund lege, lange nichtalle Schwierigkeiten beseitigt hat. Wenn also dort in philologi-scher Hinsicht mehr zu lernen ist und die ausgebildete, kunst-reiche, oft schwierige Sprache den freieren Organismus, gleich-sam das zarte Geäder der Grammatik zeigt, so überragt dochunser Gedicht jene durch seinen inneren Werth und durch dieBedeutung, die es für die Geschichte der Poesie hat. Jenes