UNBEKANNTES GEDICHT VOM ROSENGARTEN. 513
Vor einigen Jahren empfieng ich als ein gütiges Geschenk 492von Herrn C. W. Sack in Braunschweig zwei von einemBücherdeckel in Quart abgelöste, noch zusammenhängendePergamentblätter (I), die vier Seiten, jede mit zwei Spalten,enthielten. Die Schrift zeigte auf das Ende des dreizehntenoder auf den Anfang des vierzehnten Jahrhunderts. Sie warenan der Seite in gerader, unten in schiefer Linie abgeschnitten,an mehreren Stellen zerrissen, durchlöchert oder durch denGebrauch abgeschabt. Der bisherige Besitzer hatte noch einanderes, mit einem Blatt aus derselben Handschrift überzogenesBuch besessen, aber es war nach Hildesheim verkauft und vondort auch wieder in fremde Hände gekommen. Die Pergament-blätter gewährten Bruchstücke aus einem unbekannten Gedichtvom Rosengarten, das Aufmerksamkeit verdiente. Ich zögerteaber mit der Bekanntmachung derselben, weil ich hoffte, dasverschwundene Buch werde wieder zum Vorschein kommen.Die Hoffnung erfüllte sich; das Doppelblatt (II) gelangte indie Hände von M. Haupt, der so freundlich war, es mir zufreier Benutzung zu überlassen. Ebenso zerstört wie das andere,war es doch unten in gerader Linie abgeschnitten, wodurcheiniges mehr erhalten ist: immer aber fehlen an jeder Spaltemindestens vier bis fünf Zeilen.
Mehrere Stellen konnten nur mit Mühe und nach wieder-holter Betrachtung herausgebracht werden. Bei den verblichenenund abgeschabten that das Reagens gute Dienste; doch auchhier kam nicht alles wieder zum Vorschein. In dem Abdruckist das ganz Unleserliche mit Punkten bezeichnet, das Durch-löcherte oder Abgeschnittene mit Strichen, das nur Halbsicht-bare und daher Ungewisse mit Cursivschrift. Die Unterscheidungder Strophen ist auf den Pergamentblättern roth eingezeichnet,so auch einige grössere Anfangsbuchstaben (35. 111. 151): diekleineren Anfangsbuchstaben der ersten, dritten und siebentenZeile jeder Strophe sind roth durchstrichen.
Wir müssen zunächst den Inhalt näher betrachten.
Es ist von zwei Schilden die Rede, einem prächtigen, mitEdelsteinen besetzten, und einem schlichten. Walther lässt
W, GRIMM, K.L. SCHRIFTEN. IV. 33