462 DIE SAGE VON POLYPHEM.
nöthigt ist, in die Finsternis sieh zurückzuziehen. Auch Heldenwie Odysseus und Bissat sind, den Ungeheuern gegenüber, nurals Zwerge zu betrachten: ihre Tapferkeit bleibt unwirksam,und sie müssen List und Klugheit gebrauchen, wenn sie denübermächtigen Gegner verderben wollen.
Endlich muss ich noch einer Umwandelung Erwähnungthun, die das Übernatürliche fast ganz ausscheidet und dadurcheinen entgegengesetzten Ausgang herbeiführt. Zwölf Männerkommen zu dem Riesen, die er sämmtlich nach einander ver-zehrt, ohne dass der letzte ihm Widerstand leisten kann, unddie rohe Gewalt behält hier die Oberhand. Damit gieng dieursprüngliche Bedeutung, die schon durch Einmischung derHelden verdunkelt war, völlig verloren. Diese Erzählung ent-halten zwei Gedichte, eins von Stricker, das andere von Kon-rad von Würzburg, die man in Wackernagels Lesebuch 1,S. 559 und bei den Minnesängern 2, S. 205 findet. Wahr-scheinlich liegt ihnen mündliche Überlieferung zu Grund.
Zwölf Männer, nach Konrad sind es Räuber, Schacher, ver-irren sich in einem finsteren Tann, erblicken ein Feuer undgelangen in das Haus eines Riesen. Die Frau desselben, dieallein zugegen ist, sagt ihnen, dass der Riese, wenn er heim-komme, sie umbringen werde, und heisst sie in die Höhe steigen,damit er sie nicht erblicke. Der Riese aber, als er anlangt,merkt gleich, dass jemand in seinem Hause ist. Die Frau willes ihm ausreden, er aber leuchtet mit einem Licht hin und herund sieht die zwölfe oben stehen. »Werft einen herab«, rufter ihnen zu. Sie werfen den Kleinsten herab. Der Riese ver-zehrt ihn und verlangt einen zweiten. Als dieser verschlungenist, einen dritten, und so weiter, bis nur der zwölfte noch übrigist. Auch diesen heisst er herabkommen. Er weigert sich,und als der Riese droht, ihn zu holen, will er sich wehren.Aber der Gierige spricht: »Als du selbzwölfte warst, da hättetihr euch wehren können, jetzt ist es zu spät«. Er wird auchverzehrt. Die Einmischung der gutmüthigen Frau, die dieFremdlinge vor der Gefahr warnt und ihr Verderben abwendenmöchte, kommt in vielen anderen Sagen vor, vgl. DeutscheMythologie S. 959.