458 DI E SAGE VON POLYPHEM.
Es ist nicht nöthig, im Einzelnen nachzuweisen, dass wirden Grund der Polyphemsage vor uns haben, wie abweichendauch die äusseren Verhältnisse, selbst die Begebenheiten er-scheinen. Sie ist hier im Geist uralter Dichtung aufgefasstund zeigt eine seltene Reinheit der Überlieferung, die nur indem abgeschlossenen Land ungestört sich hat erhalten können.Die Erzählung ist einfach, aber bedeutungsvoll. HarmloseKnaben gerathen auf der in kindischer Lust unternommenenFahrt in einen dunkeln Wald, aus dem sie nicht heraus können,und werden von feindlichen Trolden überfallen: aber die Klug-heit und Behendigkeit der Kleinen bewältigt die Ungeheuer,nöthigt sie, ihre Schätze herauszugeben, und zwingt sie in dieFinsternis zurückzukehren.
Ich habe bis dahin einige Bemerkungen über das Stirn-auge des Kyklopen zurückgehalten. Mit den gewöhnlichenAugen des Menschen hat es seinem Ursprung nach nichts ge-mein, wenn es auch in der Überlieferung manchmal damit ver-wechselt wird. Die Sage im Dolopathos, die siebenbürgische,27 esthnische und karelische reden nur von zwei menschlichenAugen, denen die arabische doch eine besondere Gluth beilegtund die sie mit feurigen Kohlen vergleicht. Guido de Columna,der im Jahr 1287 die Geschichte des trojanischen Kriegs schrieb,weiss von Augen Polyphems, wovon Ulysses ihm eins ausreisst.Dass das grosse Rundauge den Kyklopen ursprünglich eigenwar, zeigt schon ihr Name, und es war für sie so bezeichnend,dass man an dem Hals einer griechischen Vase, auf welcherdie Tödtung eines menschenfressenden Riesen abgebildet war,an beiden Seiten ein solches anbrachte; s. Panofka in den Ab-handlungen der Berliner Akademie 1851 S. 7. Auch den Ari-maspen wird es in einem altdeutschen Gedicht (Ernst 3671)beigelegt. Ovidius sagt ausdrücklich: »unum est in medialumen mihi fronte, sed instar ingentis clypei« (Metamorphosen13, 851), und nach der nordischen Sage ist es zu gross, alsdass es in einen Kessel könnte gelegt werden. In einem ma-gyarischen Märchen (Stier S. 39), wo es ein Riesenweib aufder Stirne trägt, wird es mit einem Teller verglichen, wie ineinem norddeutschen (Colshorn S. 111), wo hinzugefügt wird,