Druckschrift 
4 (1887)
Seite
433
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DIE SAGE VON POLYPHEM. 433

Zählung äusserlich verknüpft hat, so ist Montaiglon geneigt, alssein Vorbild ein zweites Werk von dem Verfasser der siebenweisen Meister, wofür man einen gewissen Sendabad oder Sen-dabar hält, anzunehmen. Von einem solchen zweiten Werkweiss man aber sonst nichts, und mir ist es viel wahrschein-licher, dass Johann aus verschiedenen Quellen seine Erzählungengeschöpft und nur, die Orientalen nachahmend, den äusserenRahmen und zwar ganz oberflächlich zugefügt hat. Als Bei-spiel dient die Sage vom Schwanritter, die (Dolopathos S. 317)ganz märchenhaft erzählt wird und gewiss nicht orientalischenUrsprungs ist. Uns kommt es hier nur auf die Sage vomPolyphem an, die wir in eigenthümlicher Auffassung (S. 284-297)darin finden. Woher sie auch Johann mag genommen haben,ihrem Ursprung nach beruht sie ohne Zweifel auf lebendigerÜberlieferung und enthält in keinem Falle eine absichtlicheUmbildung der homerischen Erzählung; möglich, dass er einedeutsche Sage vernahm. Es trifft sich glücklich, dass einedeutsche Übersetzung davon in einer Handschrift des fünfzehntenJahrhunderts aufgefunden und von Haupt in den AltdeutschenBlättern (1, S. 119127) bekannt gemacht ist. Da ihr wahr-scheinlich das lateinische Buch des Johann zu Grunde liegt,nicht das altfranzösische Gedicht, -so gebe ich danach den In-halt an und füge nur einige genauere Bestimmungen aus demDolopathos hinzu, der keine wesentliche Abweichung enthält.

Ein landkundiger und verschlagener Räuber, Herr und An-führer einer Bande, die in Wäldern und Bergschluchten haust,vernimmt, dass in einem wilden Wald, zwanzig Meilen vonMenschen entfernt, ein Riese wohne, der Gold und Silber inMenge besitze. Er wählt hundert seiner Gesellen aus und ziehtmit ihnen unter grossen Beschwerden dorthin. Als sie an-kommen, finden sie den Riesen nicht daheim, und, froh darüber,packen sie, Gold, soviel sie tragen können, auf und wollen sichwieder auf den Heimweg machen. Aber unversehens kommtder Riese mit neun anderen Seinesgleichen. Sie ergreifen dieFremdlinge und vertheilen sie unter sich, so dass jeder zehn vonihnen empfängt. Der Anführer wird dem Riesen zu Theil, 6dessen Schätze man weggenommen hatte. Der Riese bindet

W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. IV. 28