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DIE SAGE VON POLYPHEM.
(Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 2. April 1S57.)
Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin (phil.-hist.Klasse). 4°. 1857. S. 1—30.
l jfxlt und weitverbreitet ist die Sage von dem einäugigen
Kyklopen, den Odysseus überlistet und blendet; nicht bloss dasalte Griechenland hat sie gekannt, auch in Persien und in derTartarei war sie einheimisch: noch heute wird sie in weit ab-liegenden Ländern erzählt, bei den Serbiern wie bei den Ru-mänen in Siebenbürgen, bei den Esthen, Finnen, in den nor-wegischen Bergen, auch in Deutschland. Sie scheint mir voranderen geeignet, ein Beispiel von der Verbreitung und Fort-dauer dichterischer Überlieferung zu geben und die Vergleichungder verschiedenen Auffassungen einen tieferen Blick in die Naturund Eigenthümlichkeit derselben zu gewähren. Die Sage ver-hüllt schon da, wo sie zuerst hervortritt, ihren Ursprung undlässt eine frühere Gestaltung ahnen: sie bricht in fernen Him-melsstrichen hervor, geht durch Jahrhunderte hin, verschwindetund taucht in ungeminderter Kraft wieder auf. Abhängig vondem Boden, in welchem sie Wurzel geschlagen hat, wan-delt sie Farbe und Gestalt, dehnt sich aus oder zieht sich zu-sammen: immer aber leuchtet bei diesen Umwandelungen diegemeinsame Grundlage durch.
Vorangehen müssen die Darstellungen, die wir bei denverschiedenen Völkern finden.
1. Homer erzählt in dem neunten Buch der Odysseedie Abenteuer des Helden auf Trinacria, wo die Kyklopenhausen. Von einer benachbarten Insel fährt er mit seinenGenossen dahin und lässt die elf übrigen Schiffe zurück.Als sie gelandet sind, erblicken sie eine Felsenhöhle, die mit