426 DIE MYTHISCHE BEDEUTUNG DES WOLFES.
da will ich meine Hand behüten; denn diese packt er zuerst,und aus seinem Schlund ist keine Rettung, mit wolven niemenkan genesen 135, 14. Wie aber kann er seine Hand behüten,in Sicherheit bringen? Gewiss nicht dadurch, dass er sie etwain das Gewand versteckt oder auf den Kücken hält: er kannbei der Begegnung mit dem Wolf nicht stehen bleiben; sonstist er verloren, ihm bleibt nichts übrig als zu entfliehen. DerSpruch ist klar gedacht, sinnreich ausgedrückt und gestattetAnwendung auf mancherlei Zustände. Der Verfasser des stro-phischen Gedichts, der einen Theil seiner Sprüche aus Freidankentlehnte, hat einen Zusatz gemacht, der alles verdirbt,
swä ich erkenne des wolves zantin mines i'riundes munde.
Der falsche Freund sperrt im eigentlichen Sinne nicht den Rachenauf und weist nicht die Zähne; es kann also wolves zant hiernur die uneigentliche Bedeutung von Bosheit, Treulosigkeithaben, erkennen nur heissen in Erfahrung bringen, kennenlernen, percipere. Wie fügt sich aber: da wil ich hüeten minerhant, das dann auch uneigentlich müsste verstanden werden?Es könnte nur im Allgemeinen so viel heisse'n als: »da will ichmein Herz von dem Freund abwenden«, was sich aber vonselbst versteht; es wäre ein matter und erzwungener Sinn, derden ganzen Spruch zu einer Trivialität herabdrückte.
In der folgenden Zeit kommt Wolfeszahn selten vor; beiLuther und H. Sachs habe ich ihn nicht gefunden. Vielleichtgeht darauf ein Ausdruck bei Ayrer (Historischer Processusjuris 1604): den grossen Aaman, ein wolfmaulenden, drachen-schwanzigen, allwissenden margrafen 3, 6. Die Redensart einem227 die Zähne weisen für drohen, ähnlich dem französischen avoirune dent contre cpaelqu'un, braucht nicht gerade auf den Wolfs-zahn zu gehen. Aber so nennt man einen langen, spitzen Zahn,woran auch Thiere zuweilen leiden: den pferden wächst oftbinden an den kiefern ein unnatürlicher oder, besser zu sagen,ein schiefer zahn, den man in gemein den wolfszahu nennet,und weil (so lange) ihn das pferd hat, mag es nit wol essenSeuter Rossarznei (1599) 341. In der Schweiz heissen dieAugen- oder Spitzzähne (dentes canini) Wolfszahn und Wölfeli