Druckschrift 
4 (1887)
Seite
415
Einzelbild herunterladen
 

DIE MYTHISCHE BEDEUTUNG DES WOLFES. 415

Wenn man von dem "Wolf redet, sieht man von ihm den Schwanz

Simrock Sprichw. 11805".Franz. quand on parle du loup, on en voit la queue. 215

Dieser Gedanke liegt zu Grunde, wenn Seb. Brant sagt:

ich schweig, der wolf ist nit verr Narrenschiff 111, 61.Man gebraucht auch, wie beim Teufel, wenn man ihn nennenmuss, z. B. ein anderes Wort, das böse Ding Stieler Sprach-schatz (1691) 318. In Agricolas Sprichwörtern heisst es, erverstummt als habe er den Wolf gesehen: man glaubt nämlich,der Mensch verliere die Sinne und werde heiser, wenn der Wolfihn zuerst erblicke (Petri Sprichw. Bbbiij. Panzer Bair. SagenS. 298). Dieser Aberglaube war auch den Römern bekannt;daher bei Virgil (Ecl. 9, 53): lupi Moerim videre priores, Möriskann nicht sprechen. Damit soll der Schrecken angedeutetwerden, den man bei dem Anblick des Thiers empfindet undder es unmöglich macht, zu schreien und Hilfe herbeizurufen.

Er ist unersättlich wie die Hölle: insatiatus ward er schonvorhin genannt. Es ist nicht bloss sein Hunger, der ihn treibt,es ist die Lust am Morden. Daher heisst es von Herodes, derdie unschuldigen Kinder aufsuchen lässt, der wolf was mit zornebevangen Wernhers Maria 209, 6.

daz mac wol sin ein heilic zit,

so der wolf den schäfen fride git Freidank 137, 1718.

Er würgt dreissig Lämmer und frisst nur ein halbes (Lieder-saal 3, 429. 430). Wenn er in einen Schafstall kommt, so lässter sich nicht genügen, eins zu zerreissen für seinen Hunger, ertödtet sie alle (Wolfsgesang bei Schade Satiren und Pasquilleaus der Reformationszeit S. 11). Der Wolf schnappt noch nachdem Lamm, wenn ihm die Seele ausgeht, sagt das Sprichwort(Petri Pv.). In dem Gedicht von dem räuberischen Helmbrechtheisst einer Wolfesdarm,

ez si kalt oder warm,roubes wirt er nimmer vol.diupheit tuot im so wol,des enwirt er nimmer sat:einen fuoz er nie getratüz der übele in die güete.