DIE MYTHISCHE BEDEUTUNG DES "WOLFES. 409
ist der griechischen Thetis vergleichbar, die sich zu Peleus ge-sellt und seine Umarmung sucht. Sie gibt dem Held eineWurzel, wovon er und sein Ross Kraft und Stärke wiedererlangen. Dann wollen ihn noch andere Göttinnen durchWunderdinge bei sich festhalten. Er bewährt überall diegrösste Tapferkeit, wobei er die Natur dämonischer Wesen zeigt,in denen das Gute und Böse nicht getrennt ist. Vor seinemEnde wird er von Geistern gemartert und in die Hölle geführt,aber Gott steht ihm bei und rettet seine Seele.
Das andere Gedicht, das sich in der Anlage schon dadurchwesentlich unterscheidet, dass der ungetreue Sahen, der Gegen-satz des getreuen Berchtung, darin unbekannt ist, hat einengrossentheils ganz verschiedenen Inhalt. Ich habe ausser derschon abgedruckten Wiener und der von Hagen besessenenHandschrift auch die Heidelberger und Öhringer, die besser undvollständiger sind, in Müllenhoffs Abschriften benutzen können.Ich halte diese Darstellung für eine etwas spätere, mit Aben-teuern überfüllte, doch in nicht wenigen Theilen noch von dichte- 210rischem Geist belebte Fortbildung der Überlieferung, welche aufeine Verherrlichung Wolfdieterichs ausgeht. Die Sage von Ro-mulus ist weiter eingedrungen, und das Mythische tritt mehrzurück, ist aber nicht ganz verschwunden.
Hugdieterich, König von Konstantinopel, schön und jugend-lich, erzeugt, als Jungfrau verkleidet, einen Knaben mit Hilde-gund, einer Königstochter, die in einen von Mauern und Grabenumgebenen Thurm eingeschlossen ist, weil sie unvermählt bleibensoll. Damit stimmt, dass Mars den Romulus mit der VestalinRhea Silvia in einer Höhle erzeugt, in welche sie vor einemWolf geflüchtet war. Aus Furcht vor Entdeckung wird dasneugeborene Kind gleich ausgesetzt. Ein Wolf findet es im Ge-büsch und trägt es zu seiner Höhle, worin die Wölfin mit viererst vor drei Tagen geworfenen Jungen liegt; es soll ihnen zurSpeise dienen. Aber die Jungen saugen noch an der Wölfin,können auch, noch blind, das Kind nicht sehen; es bleibt alsounverletzt. Der Vater der Hildegund jagt am anderen Morgenin dem Wald, und die alten Wölfe werden in der Höhle er-stochen. Man findet darin das weinende Kind und bringt es