DIE MYTHISCHE BEDEUTUNG DES WOLFES. 407
treibt ihn dazu an, indem er den Verdacht bestätigt. Hug-dieterich entschliesst sich endlich, den bösen Rath zu befolgen.Der Herzog Berchtung erhält den Auftrag, das Kebskind heim-lich umzubringen, und wird durch Drohungen gezwungen, ihnanzunehmen. Der König nimmt es in der Nacht der schlafendenMutter weg und übergibt es ihm. Während er es fortträgt,spielt es mit seinem glänzenden Schwert. Er trägt es in eine 208Wildnis, kann es aber nicht über das Herz bringen, es zu tödten.Er setzt es an einen Brunnen, in dessen Mitte Rosen stehen,und denkt, wenn ihm der Tod bestimmt sei, so werde es nachden Rosen greifen, in das Wasser fallen und sich selbst er-tränken. Auch Romulus und Remus werden in einer Muldean das Ufer der Tiber ausgesetzt, weil sie darin umkommensollen; ich merke das an, weil sich die Verknüpfung mit derrömischen Sage in der Folge noch deutlicher zeigen wird.Berchtung bleibt nicht bei dem Kind; er versteckt sich in einGebüsch, von wo er es sehen kann. Es sitzt den ganzen Tagbei dem Brunnen, ohne Nahrung, aber nach den Rosen greiftes nicht. Als die Sonne sinkt und der Mond durch die Wolkenbricht, kommen Wölfe heran mit aufgesperrtem Rachen: dochsie geben dem Kinde Frieden und thun ihm nichts zu Leid, jasie legen sich im Kreis um es herum, offenbar um es vor demWasser zu hüten. Ihre Augen brennen wie Kerzenlicht; dasKind greift ihnen hinein, und sie ertragen es geduldig. Es läuftzwischen ihnen herum, und wenn einer der Wölfe sich seinerwehren will, so schlägt es, das kleine Kind, ihn nieder. Beidem Anbruch des Tages laufen die Wölfe wieder fort. Mansieht, es sind Nachtgeister, die sein unsichtbarer Vater ihm zumSchutz gesendet hat. Plinius weiss von den glänzenden Augen:noctumorum animalium, veluti felium, in tenebris fulgent ra-diantque oculi, ut contueri non sit, et caprae lupoque splendentlucemque iaculantur hist. nat. 11, 37. Auch das Aufsperrendes Rachens hat Bedeutung; der Wolf Fenrir sperrt bei demWeltende den Rachen auf, soweit Raum ist zwischen Himmelund Erde, und Feuer brennt aus seinen Augen und Nasen-löchern (jüngere Edda Cap. 51). In dieser Erzählung von derAussetzung des Kindes ist ein Stück alter und schöner Dichtung