ÜBER EINE THIERFABEL DES BABRIÜS. 397
Im Anfang der Welt, nach der Schöpfung, rief der Herralle Geschöpfe herbei, um jedem das Mass seines Lebens, dieDauer seines Daseins zu bestimmen. Zum Esel sprach er: »dichhabe ich zu hartem Frohndienst erkoren; du sollst für und fürein Joch tragen und die Knie biegen, und dein Leben solldreissig Jahre sein«. Der Esel antwortete: »dreissig in sauererArbeit verlebte Jahre sind mir zu viel: schnell werd' ich alternunter den Streichen der Züchtiger. Nimm, o Herr, von der 230Zahl meiner Jahre zwanzig hinweg«. Es geschah nach seinemWillen, da sein Wunsch gerecht befunden ward. Zum Hundesprach Gott: »dich bestell ich als Wächter, dass du Tag undNacht Habe, Haus und Hof des Menschen bewachest. DeineSpeise sollen dürre Knochen sein und die Zahl deiner Jahrefünfunddreissig.« »Ach Herr«, hub der Hund an, »wie schwerist der Dienst eines Wächters und Hüters, der schlaflos dasGut fremder Leute immer bewachen muss! Von den fünfund-dreissis Jahren sind mir fünfundzwanzig zu viel.« Zu demAfi'en sprach Gott: »du gleichst dem Menschen in allem; nurfehlt dir die Vernunft: ich will dich mitten unter die Menschensetzen, auf dass sie ihre Kurzweil an dir haben; ich weise dirzwanzig Lebensjahre an«. »Zwanzig?« entgegnete dieser, »achHerr, neige mir dein Ohr und erbarme dich. Lebe ich nurzehn Jahre, so ist dies Zeit genug, wenn man anderen nur zuSpott und Kurzweil dienen soll«. Jetzt kam der Mensch, undGott sprach zu ihm: »tritt her, du sollst das vollkommensteWesen sein. Dir sei Weisheit, Verstand und Einsicht gegebenund die ganze Erde zur Beherrschung: alles was du siehst wirddir zu Ehren geschaffen. Mache dich ohne Säumen daran undfreue dich meiner Schöpfung; denn nur dreissig Jahre habe ichdir als Lebenszeit bestimmt.« Der Mensch erschrak, als erdas hörte. »Ach, zu wenig sind meiner Tage!« rief er aus,»und was hat man am Guten, wenn man nur Augenblicke dabeiverweilen kann; ich breite meine Hände gegen dich aus undkrümme mein Haupt wie ein Rohr, dich flehend, meine Tageüber die bestimmte Zahl zu vermehren und mir noch die Jahreanzuweisen, welche Esel, Hund und Affe verschmäht haben.«»Es geschehe nach deinen Worten«, erwiderte der Herr, »aber