396 ÜBER EINE THIERFABEL DES BABRIUS.
aufgelegt. Hierauf die zwölfe des. Hundes; da liegt der Menschin der Ecke, knurrt und hat keine Zähne zum Beissen. Endlichdie zehn des Affen; da wird der Mensch ein Spott der Kinder.229 Ich stehe nicht an, der deutschen Auffassung den Vorzug
zu geben; sie ist sinnreicher und innerlich zusammenhängender.Sie geht aus von einer göttlichen Einrichtung bei Erschaffungder Welt, von welcher die griechische Überlieferung nichtsweiss, die nur von einem unerwarteten befremdlichen Geschenkhandelt, das mit der erwiesenen Gastfreundschaft in keinem Ver-hältnis steht. Die Thiere haben auch keine Ursache, mit ihrerLage unzufrieden zu sein; sonst würden sie mit der Hingabeder Lebensjahre kein Opfer gebracht, sondern etwas gewonnenhaben. Wenn in der deutschen Erzählung sie unzufrieden mitder göttlichen Anordnung sind und Abänderung verlangen, somuss man bedenken, dass ihnen, wie in der Thiersage über-haupt, Selbständigkeit, Sprache und Vernunft beigelegt werden.Bei dieser tief eingreifenden Verschiedenheit kann ich eine_ Abstammung aus der griechischen Fabel, die an sich als eineAbschwächung des Ursprünglichen erscheint, nicht annehmen.Die Frage ist nur: »gehört diese Sage zu jenen alten Über-lieferungen, die wir mit anderen Völkern gemein haben, oder istsie aus einer fremden schriftlichen Quelle zu uns gekommen?«Ich habe sie, so weit ich nachforschen konnte, bei keinem anderengriechischen Schriftsteller, bei keinem römischen oder orienta-lischen gefunden, auch nicht in den lateinischen und deutschenFabelbüchern, die von dem Mittelalter bis in unsere Zeit reichen.Um so willkommener war mir eine Nachweisung von KarlGödeke, dass sie in einem hebräischen Gedicht des Ben Seebenthalten sei. Genauere Bekanntschaft damit verdanke ichHerrn Professor Wilh. Schott. Der Verfasser (geb. 1764, gest.1811) heisst vollständig Jahuda Loeb Ben Benjamin Seeb Wolf,wird aber gewöhnlich schlechthin Ben Seeb (Wolfsohn) genannt,und das Gedicht steht in dem fünften Band der ZeitschriftMeassef S. 388 — 391, der aber als Fortsetzung des vierten(Königsberg 1788) zu betrachten ist. Es ist überschrieben: »DieLebenstage des Menschen«. In Prosa aufgelöst und etwas ver-einfacht ist der Inhalt folgender.