ÜBER EINE THIERFABEL DES BABRIÜS. 395
ÜBER EINE THIERFABEL DES BABRIÜS.
Zeitschrift für deutsches Altertimm. Herausgegeben von Moriz Haupt.Zwölfter Band. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung. 1865. 8°. S. 228—231.
.Dabrius (No. 74 Furia, 194 Coray) erzählt eine schöne 228Thierfabel. Pferd, Stier und Hund kommen vor Frost zitterndzu dem Haus des Menschen. Er öffnet seine Thüre, lässt sieam Feuer sich wärmen und gibt ihnen Futter: dem PferdGerste, dem Stier Hülsenfrucht, dein Hund Speise von seinemTisch. Als Dank dafür überlassen die Thiere dem Menscheneinen Theil ihrer Lebensjahre. Das Pferd zuerst, deshalb istder Mensch in der Jugend übermüthig. Darauf der Stier, darummüht sich der Mensch in der Mitte des Lebens mit Arbeitund sammelt Reichthümer. Der Hund schenkt die letzten Jahre,darum sind die Alten immer mürrisch, schmeicheln nur dem,der ihnen Nahrung gibt, und achten die Gastfreundschaft gering."Ich habe schon bei einer andern Gelegenheit (Thierfabelu beiden Meistersängern S. 22 [oben S. 390]) angemerkt, dass eineentsprechende, aber abweichende Volkssage in Niederhessen um-geht, die ich in den Hausmärchen (No. 176) mitgetheilt habe.Nachdem Gott die Welt geschaffen hat, bestimmt er als Lebens-zeit allen Geschöpfen dreissig Jahre. Damit unzufrieden beklagensie sich, und der Herr ändert seinen Beschluss. Den Thierendünkt bei dem elenden Leben, das ihnen zu Theil wird, die Zeitzu lang; darum werden dem Esel achtzehn, dem Hund zwölf, demAffen zehn Jahre abgenommen. Esel und Affe nämlich tretenhier statt des Pferdes und Stiers auf. Jetzt kommt der Mensch,dem dreissig Jahre zu wenig sind. Der Herr legt ihm zu, waser den Thieren abgenommen hat. Demnach lebt der Menschsiebenzig Jahre: wenn seine dreissig herum sind, kommen dieachtzehn des Esels; da wird ihm eine Last nach der anderen