THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 389
so verschiedene Naturen sich nicht in ein gemeinsames Geschäfteinlassen sollen? Aber dichterisch behandelt könnte es dieGrundlage einer guten Erzählung werden. Oder was lässt sichErbauliches darüber sagen, dass die Wölfin ihren Kindern An-weisung gibt, wie sie ohne Gefahr ihre Blutgier befriedigenkönnen? Sie thut, was ihre Natur fordert und ermahnt sie zumBösen, gerade so, wie der Sperling seine Jungen zum Guten.Beide setzen die Handlungen als nothwendig voraus und em-pfehlen nur Vorsicht dabei. In einem esthnischen Volkslied(Neuss 3, S. 444) wird die Warnung einem wohlmeinendenVöglein in den Mund gelegt.
Eilig gieng die Geiss den Berg an,Hurtig hinter ihr der Wolf drein:»Komm zu mir, o komm, Geisslein,Neue Schuhe die schenk ich dir,Rothe Absätz unten dran,Drüber sind die Seidenbänder.«In der Erle sang der Vogel:»Nimmer glaub es, o du Geisslein,Glaub den Worten nicht des Wolfes;Falsche Reden führt der Wolf,Trüglich täuscht des Bären Wort.Seine Schuhe nennt dein Vliess er,Nennt dein Blut die Absätz unten,Bänder dran dein Eingeweide.«
Babrius hat dem Thiermärchen sein poetisches Recht ge-lassen und es nicht durch geistlose Epimythien herabgewürdigt.Ich nenne diesen trefflichen Dichter absichtlich, weil ich zu einemseiner Gedichte eine Bemerkung machen will, die man als einenicht weit abliegende Zugabe zu dieser Abhandlung betrachte.*)Sie gewährt wiederum ein überraschendes Beispiel, wie derGrundgedanke in einer durch Zeit und Raum weit getrenntenÜberlieferung sich erhalten kann, der hier so besonderer Artist, dass man eine zufällige Übereinstimmung darin nicht er-blicken, einen äusseren Zusammenhang nicht nachweisen, eineninneren nicht abweisen kann. Der Inhalt (No. 74. Furia 278.Coray 194) ist einfach. Pferd, Stier und Hund kommen vor
*) [Vgl. unten S. 395 ff.]