Druckschrift 
4 (1887)
Seite
390
Einzelbild herunterladen
 

390 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSANGERN.

Frost zitternd zu dem Haus des Menschen. Er öffnet ihnen22 seine Thüre, lässt sie am Feuer sich wärmen und gibt ihnenNahrung: dem Pferd Gerste, dem Stier Hülsenfrucht, dem HundSpeise von seinem Tisch. Die Thiere vergelten die erwieseneWohlthat, indem sie als Gastgeschenk dem Menschen einenTheil ihrer Lebensjahre überlassen. Das Pferd sogleich, des-halb ist der Mensch in der Jugend übermüthig; hierauf derStier, darum müht sich der Mensch in der Mitte des Lebensmit Arbeit und sammelt Reichthümer; der Hund schenkt dieletzten Jahre, darum sind die Alten immer mürrisch, schmei-cheln nur dem, der ihnen Nahrung gibt, und achten die Gast-freundschaft gering. Damit vergleiche man, was vor fünfzehnJahren ein hessischer Bauer auf dem Felde erzählte und schonim Jahr 1845 in den Hausmärchen (No. 170) mitgetheilt ward.Nachdem Gott die Welt geschaffen hat, bestimmt er als Lebens-zeit allen Creaturen dreissig Jahre. Dem Esel, dem das zuviel ist, werden achtzehn Jahre abgenommen, ebenso auf ihreBitten dem Hund zwölf, dem Affen zehn Jahre. Jetzt kommtder Mensch; ihm sind die dreissig Jahre zu wenig, und derHerr legt ihm noch zu, was er den Thieren abgenommen hat.Demnach lebt der Mensch siebenzig Jahre; wenn seine dreissigherum sind, kommen die achtzehn des Esels, da wird ihm eineLast nach der anderen aufgelegt: hierauf die zwölf des Hundes;da liegt der Mensch in der Ecke, knurrt und hat keine Zähnezum Beissen: endlich die zehn des Affen; da wird der Menschein Spott der Kinder.

Man wird zugeben, dass die deutsche Erzählung bedeu-tungsvoller und innerlich zusammenhängender ist als die grie-chische: die Abgabe der Jahre wird natürlicher begründet, daman dort nicht weiss, wie der Mensch, dessen Alter man nichtkennt und dem Muth und Freudigkeit nicht fehlt, Gebrauchvon dem Geschenk des Pferdes machen soll.

Ich theile den Text der drei Meistergesänge mit, ohne anden rohen Sprachformen etwas zu ändern.