Druckschrift 
4 (1887)
Seite
388
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388 THIERFABELN BEI DEN MEISTEKSANGERN.

delt ganz vernünftig, aber es ist ein hübsches Märchen, welchesden mit dem menschlichen Leben unbekannten Waldmann durchsein Erstaunen über die verschiedene, ganz entgegengesetzteWirkung des Blasens vortrefflich schildert. Der Inhalt derallbekannten Fabel von dem Lamm, das dem Wolf soll dasWasser getrübt haben, ist so natürlich und das Wesen desschüchternen Thiers so gut dargestellt, dass die poetische Theil-nahme nicht ausbleibt: aber an der dürren Moral geht einjeder gleichgültig vorüber. Dieses Märchen kann als Gleich-nis gelegentlich passend angewendet werden, aber auf einensolchen Gebrauch hat es nicht nöthig zu warten, um sich gel-tend zu machen. Die echte griechische Fabel haben wir imBabrius kennen gelernt: in Hitopadesa, Pantchatantra, beiBidpai und Nechschebi ist die Absicht auf Lehre und die Ein-mischung eigener Erfindung deutlich, weshalb wenig Rücksichtauf die Natur der Thiere genommen wird. Die cyrillischenThierfabeln gehen am entschiedensten zu Werk; sie stelleneine bestimmt ausgesprochene Moral an die Spitze und knüpfenan ein Paar dünne selbstgedrehte Fäden eine Reihe guter, oftsinnreicher Betrachtungen, die aber keinen Anspruch auf dichte-rischen Werth machen können. Das echte Thiermärchen dagegenkennt nur die unschuldige und freie Lust an der Poesie: eswill zunächst nur ergötzen und überlässt es seiner inneren Kraft,in dem rechten Augenblick auf den Menschen zu wirken.Hängt man auch ihnen Epimythien an, so sind sie im bestenFall oberflächlich und gehaltlos: es ist ein Zufall, wenn eseinmal damit glückt oder eine Lehre wie eine reife Fruchtvon selbst abfällt. So entschieden man also bei ihnen die Ab-sicht darauf zurückweisen muss, so zeigen sie sich doch in ge-wisser Beziehung lehrhaft: indem sie auf den Unterschied derThiere von dem Menschen aufmerksam machen, mahnen siediesen, den bösen thierischen Richtungen nicht blindlings nach-zugeben, und wirken damit sicherer und dauernder als durcheine abgezogene moralische Wahrheit. Die Paar Fabeln, deren21 Umwandlungen wir hier betrachtet haben, gehören gewiss zuden echten Thiermärchen, aber welche Moral will man aus derWeinschenke des Wolfs und Storchs ziehen? Etwa dass zwei