Druckschrift 
4 (1887)
Seite
385
Einzelbild herunterladen
 

THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 385

ich ass sie und suchte ihrer mehr und säuberte damit die Kirchevon dem Geschmeiss. Ihr Gift that mir keinen Schaden, nurdass einige von meinen Federn kreideweiss wurden, weshalbmich die Kinder ihren bunten Kirchensperling nennen«. DerAlte lobt ihn seines Verhaltens wegen und ermuntert ihn, festan Gottes Wort zu halten, wenn auch die Eulen kämen undihn verfolgten.

Abermals später, etwa in der Mitte des siebzehnten Jahr-hunderts, erscheint die Fabel bei I. Balthasar Schuppius (Fabel-hans S. 837). Aus dem Froschmeuseler hat er sie nicht ge-nommen; bei aller Übereinstimmung im Ganzen und in denGrundzügen weicht er in der Ausführung zu weit von ihm ab,und wir werden auch hier auf die mündliche Überlieferung alsQuelle geleitet. Da sie in den Hausmärchen mitgetheilt ist(No. 157), so kann ich dahin verweisen.

Wir haben gesehen, dass das edelste wie das grausamsteund wiederum das schwächste Thier seinem Kind bei dem Ein-tritt ins Leben väterliche Lehren mit auf den Weg gibt. Manmuss darin eine Abspiegelung menschlicher Sitte erkennen:was ist natürlicher, als dass Vater und Mutter den Sohn, derseine Laufbahn beginnen soll, oder der Herr den Diener, dener ausschickt, vor den Gefahren warnt, die ihn bedrohen, und 18ihn belehrt, wie er seine Handlungen einrichten, wo er aufseiner Hut sein müsse. Kein Zweifel, dass sich darin die Fort-dauer einer uralten Sitte zeigt, bei der wahrscheinlich wieder-kehrende Formeln angewendet wurden. Waren doch auch,wenn der wandernde Fremdling die Gastfreundschaft in An-spruch nahm, die Fragen bestimmt, die der Wirth an denGast richten, die Antworten, in welchen dieser Auskunftgeben musste. Ich glaube, dass schon in dem Hohen Lied(Hävamäl) der Edda solche Reiselehren aufbewahrt sind, derenEindringlichkeit noch durch den höheren, den eddischen Dich-tungen eigenen Ausdruck gesteigert wird. Aus diesem Ge-sichtspunkt erkläre ich den Inhalt eines anderen eddischenLiedes (Sigurdrifumäl), worin Brünhild als Walküre den Sigurd,der sie eben aus dem Zauberschlaf geweckt hat und den siezum ersten Mal erblickt, aber als den Herrn ihrer Seele erkennt,

W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. IV. 25