THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 381
Älter, aber nicht besser ist eine Erzählung der Marie deFranee (No. 93), wo die kluge Bemerkung des Kindes dieSpitze verloren hat.
Ein Rabe ertheilt seinem Kind die Lehre, sich vor demMenschen zu hüten, von dem er nur Böses zu erwarten habe:»wenn du siehst, dass er sich bückt und einen Stock odereinen Stein erfassen will, so flieg fort, damit dir nichts Schlimmeswiderfährt«. »Wenn ich aber sehe,« fragt das Kind, dass ersich nicht bückt und nichts in den Händen hat, muss ich michda auch entfernen?« »Lass mich gehen,« sagt der Alte, »dubrauchst weiter keine Lehre: flieg allein und hilf dir selbst,ich fürchte nicht für dein Leben. Ich will zu meinen anderenKindern gehen und ihnen Beistand leisten.«
Nach einem langen Zeitraum taucht eine andere franzö-sische Überlieferung auf. Bonaventure Des Pieres (f 1544)veranstaltete im südlichen Frankreich eine Sammlung vonscherzhaften und leichtfertigen Geschichten (contes ou nouvellesrecreations et joyeux devis), gewiss nach mündlichen Erzäh-lungen, zu welcher auch andere sollen Beiträge geliefert haben.Ähnliche Bücher erschienen in dieser Zeit auch in Deutschland:Freys Gartengesellschaft, Wickrams Rollwagen und KirchhofsWendunmuth. Glücklicher Weise ist auch unsere Fabel darinaufgenommen worden.
Eine Elster führt ihre Kinder aufs Feld, damit sie lernenselbst ihre Nahrung zu suchen. Das gefällt ihnen nicht; siewollen lieber ins Nest zurück, wo sie es bequemer haben, weildie Mutter die Speise im Schnabel herbeitragen soll. »MeineKinder,« spricht sie, »ihr seid gross genug, euch selbst zu er-nähren; meine Mutter hatte mich viel früher ausgewiesen.«»Aber die Bogenschützen werden uns tödten«, antworten dieKinder. »Nein, nein,« spricht sie, »es gehört Zeit zum Zielen:wenn ihr seht, dass sie die Armbrust in die Höhe heben undan das Gesicht legen, um abzudrücken, so fliegt davon«. »Daswollten wir wohl thun, aber wenn einer einen Stein nimmtund will nach uns werfen, dazu ist kein Zielen nöthig, wiedann?« »Ihr könnt ja sehen, wie er sich bückt,« sagt dieAlte, »wenn er den Stein aufheben will«. »Aber wie, wenn