380 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.
Zähnen und zerreiss ihn ohne Barmherzigkeit«. Damit lässt dieAlte ihr Wolf lein laufen, das sich mit den erlernten Tückenzu nähren weiss, bis endlich Mutter und Kind in der Beizedes Kürschners wieder zusammenkommen.
Man sieht, dass diese Erzählung mit der vorhergehendenauf gleicher Grundlage beruht und nur andere Verhältnisse dar-stellt. Dort hinterlässt das Thier, das als das edelste geschildertwird, seinen beiden Söhnen heilsame Rathschläge; doch nur aufden ältesten vererbt sich die bessere Natur; in dem jüngstenbricht die thierische Wildheit wieder durch, und er empfängtden verdienten Lohn. Hier ermuntert der bösartigste Bewohnerdes Waldes sein Kind zur Grausamkeit und ermahnt es nur,sie mit Vorsicht auszuüben.
Ich weiss nicht, ob es noch eine Thierfabel gibt, die mitsolcher Beweglichkeit in so verschiedenartige, immer unab-hängige Bildungen übergegangen ist und dabei ihre Grundzügefestgehalten hat. Nochmals zeigt sie sich mit einer neuen er-götzlichen, humoristischen oder, wenn man will, satirischenWendung, und zwar mit lebendigster Mannigfaltigkeit in weitauseinanderliegenden Zeiten.
Ich will sie zuerst in der Gestalt anführen, in welcher ichsie bei Hugo von Trimberg, also am Ende des dreizehntenJahrhunderts, gefunden habe.
Ein agelster zuo ir tohter sprach»kint, wiltü niht werden veige,so warte wä der man sich neigeund mit der hant grif an die erden,daz dines lebens tage iht werdenkürzer, wan so wil er dichwerfen; des gedenke an michund fliuc von ime«. »daz trete ich gern,und möhtest du mich des gewern,daz er den stein niht bi im hasteverborgen unter seiner waete«.14 diu agelster sprach »var hin von mir,
ich kan niht mer geraten dir:du hast mer liste danne ich hän«.
Renner 14915—14928.