382 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.
er einen Stein beständig in der Hand trägt und jeden Augen-blick zum Schleudern bereit ist?« »Ei! was ihr nicht alles15 wisst!« spricht die Mutter, »ihr könnt schon selbst für euchsorgen«. Damit fliegt sie weg und lässt sie allein.
Diese Darstellung ist anmuthiger, als bei der nordfranzö-sischen Dichterin und bei Hugo von Trimberg, dem sie sonstnäher steht, während das Zielen des Schützen hier, wie in derFabel von der Hirschkuh, hervorgehoben wird.
Nicht viel später ist eine umständliche und ausgebildeteErzählung in Rollenhagens Froschmeuseler, die uns abermalsin ganz andere Verhältnisse führt. Ein Sperling erscheint hierals vorsorgender, bedächtiger Hausvater, der das zukünftigeWohl seiner vier Kinder bedenkt und sie vor den Gefahrenwarnen will, die ihnen drohen: er findet sie aber schon gewitzigtund weltklug. Ganz sagenhaft stimmt diese Auffassung mitden anderen, sonst so verschiedenen in einzelnen Zügen überein;dahin gehört die Warnung vor dem Steinwurf', die Beschreibungdes Feuergewehrs, das an die Stelle des Bogens und Pfeilstritt: das Sprichwort von dem Zusammenkommen der Pelzebeim Kürschner zeigt die Verwandtschaft mit dem Meister-gesang. Bollenhagen erzählt sonst nicht so gut, und manempfindet hier die Einwirkung einer lebendigen Quelle. DaW. Wackernagel dieses Stück mit Recht in sein Lesebuch(2, S. 210—214) aufgenommen hat, so genügt eine Angabe desInhalts.
Ein Sperling hat ein Schwalbennest an einem Kirchen-fenster in Besitz genommen. Während Vater und Mutter aus-geflogen sind, Futter für ihre Jungen zu suchen, kommt eineWindsbraut und wirft das Fenster in die Kirche hinab. Dreivon den Jungen werden von dem Wind weggetrieben; derJüngste bleibt in der Kirche. An einem warmen Sommertagfinden sich die Eltern und die Kinder auf einem Feld zwischengemähter Gerste glücklich zusammen. Der Vater spricht:»Liebe Kinder, bevor ihr in die Welt geht, will ich euch guteLehren geben und euch warnen vor den Gefahren, die eucherwarten«. Er fragt den Ältesten, wie es ihm ergangen sei.Dieser erzählte sein Schicksal: »Der Wind führte mich über