Druckschrift 
4 (1887)
Seite
378
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378 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.

sich wohl in der Knechtschaft und will darin verbleiben. Ge-schickt ist der wohlbekannte Fuchs eingemischt, der Halbwilde,Halbgezähmte, den der Löwe mit Wohlgefallen kommen sieht.Noch einen merkwürdigen Umstand will ich hervorheben: esweist in die älteste Zeit zurück, wenn der junge Löwe beimAntritt der Regierung die Schätze seines Vaters unter die ver-sammelten Getreuen austheilt. Hätten wir diese Auffassungvollständig, wir würden eins der schönsten und bedeutungs-vollsten Thiennärchen besitzen.

Ich kann noch eine Darstellung nachweisen, die leichtälter ist als das vorhin erwähnte Gedicht aus dem dreizehntenJahrhundert. In dem ersten Viertel desselben dichtete Mariede France, und zwar in nordfranzösischer Sprache, ihren Äsop(Ysopet), dessen Quelle eine aus dem Lateinischen übersetzteFabelsammlung in englischer Sprache war. Vielleicht hängenauch die Extravaganten mit jener lateinischen Quelle zusammen,nur nicht unmittelbar; denn die Fabel von dem Hund und derKatze, bei der Marie de France die achtundneunzigste, stimmtin der Ausführung nicht mit der Extravagante (abgedruckt imReinhart Fuchs S. 421.422), sondern merkwürdigerweise nähermit einem altdeutschen Gedicht, das im Reinhart Fuchs S. 363mitgetheilt ist. Doch mit den Fabeln des Romulus und desAnonymus Neveleti, der die Prosa desselben in Elegien brachte,ist jene lateinische Quelle der Marie schwerlich näher verwandt.Ihr Werk besteht in der Ausgabe von Roquefort aus 103 Stücken,wovon nur der kleinere Theil die bekannten Äsopischen Fabelnerzählt; unter den übrigen sind 39, deren Quelle man nicht12 kennt und die aller Wahrscheinlichkeit nach sich auf ursprüng-lich normannische Überlieferungen gründen. Eine davon (No. 92)enthält unsere Fabel mit eigenthümlichen Abweichungen.

Eine Hirschkuh ertheilt eben ihrem Kälbchen gute Lehren,wie es sich vor Hunden und Jägern und vor dem Wolf inAcht nehmen müsse, als sie einen Reiter daher kommen sehen,der Bogen und Pfeile in der Hand hat. Das Kalb fragt, werdas sei. »Den musst du am meisten fürchten«, antwortet dieMutter, »und wenn er dir nahe kommt, so hüte dich«. »Wassoll ich ihn fürchten?« spricht das Kalb, »er will uns kein Leid