THIEREABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 377
Löwe freut sich, als er ihn erblickt, und spricht: »der bringtgute Botschaft, aber ich weiss nicht, welcher Art sie ist«. DerFuchs kommt näher, neigt sich und bittet um seine Gnade.»Wo willst du hin?« fragt der Löwe. »Ich komme aus demHaus des Königs (des Menschen); ich habe seinen jungenHühnern nachgestellt und keins übrig gelassen«. »Ist derMensch nicht vorsichtig?« fragt der Löwe, »oder bist du stärkerals er?« »Ich habe es durch List erlangt, nicht durch Tapfer-keit; wir Füchse können nicht anders«. »Bleib bei mir,« sprichtder Löwe, »bis ich zu dem Menschen gelange; mit einem Sprungwill ich ihn vernichten«. »Herr, ich gehorche deinem Befehlund will hinter dir hergehen, aber hüte dich vor der Schlinge.Du wirst den Menschen zwischen den Bäumen des Waldesfinden: bezwingst du ihn, so wirst du grosse Beute machen.«Der Löwe geht stolz weiter, aber der Fuchs ist auf seiner Hut.Die Überlieferung bricht hier ab; es fehlt wohl der grössereTheil, der Zusammenstoss des Löwen mit dem Menschen unddas Verderben des wilden Thiers, doch ist der Schluss dadurchangezeigt, dass der Fuchs vor den Schlingen des Menschenwarnt. Möglich auch, dass der Ausgang ein anderer war, alsin der Extravagante und in dem Meistergesang, und dass derLöwe durch die List des Fuchses aus den Fallstricken gerettet 11wird. Darauf scheint mir das Gedicht aus dem dreizehntenJahrhundert zu weisen, wo der Löwe mit Verlust seinesSchwanzes entkommt; auch ist es dem Geist der Thiersage an-gemessener, dass der Mensch am Ende noch den Kürzerenzieht. Was sich bei Barachja erhalten hat, ist übrigens voll-ständiger und besser, als in irgend einer der anderen Auf-fassungen. Sinnvoll ist der Gegensatz zwischen den Wald-thieren und den Hausthieren hervorgehoben: sie erscheinen nacheinander entkräftet und erniedrigt von den Diensten, die siedem Menschen leisten müssen. Trefflich ist der Zug, dass derwilde König das gezähmte, allbekannte Pferd nicht kennt undmeint, es sei der Mensch. Es wird von ihm überwältigt undunterwirft sich seinem natürlichen Herrn. Der Ochse hätteauch auftreten müssen, ist aber vergessen. Der Esel sinktunter seiner Last zur Erde; nur das geduldige Schaf befindet