376 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.
über sich, und alle Thiere müssen ihm dienen: Pferde undMaulthiere spannt er vor seinen Wagen, der Esel muss ihmseine Lasten tragen, der Ochs seinen Acker pflügen, das Lammführt er zur Schlachtbank«. Danach stirbt der alte König; dieThiere kommen und beklagen seinen Tod, und der junge Löwewird auf den Thron gesetzt. Er wählt aus den Thieren einetapfere Schar und theilt die Schätze seines Vaters unter sieaus. Er kündigt seinen Entschluss an, einen Raubzug zu unter-nehmen; auch den Menschen will er gegen das Verbot seinesVaters angreifen und zerreissen. Er geht aus dem Wald her-aus und begegnet dem wilden Esel, den er nicht kennt. Erbrüllt, aber der Esel erschrickt nicht, weicht auch nicht zurück.Der Löwe verwundert sich darüber: »ist das der Mensch?«spricht er, »jetzt will ich thun, was mich gelüstet«, fällt über10 ihn her und will ihn zerfleischen. Der Waldesel bittet umGnade und unterwirft sich ihm als seinem König. Der Löwefragt, ob er den Menschen kenne; der Waldesel hat ihn nichtgesehen, räth ihm aber, weiter zu gehen, da werde er den Last-esel und den Ochsen finden, denen sei der Mensch bekannt.Der Löwe geht weiter und begegnet dem Pferd. Dieses er-hebt sich auf seine Hinterfüsse; der Löwe thut einen Satz undkommt hinter das Pferd; das schlägt aus, trifft den Löwen indie Lenden, so dass er eine Wunde empfängt. Wüthend fällter auf das Pferd und zerbricht es wie ein Rohr. Es unterwirftsich und bittet um Gnade. Der Löwe fragt, ob es der Menschsei; das Pferd verneint es, sagt aber, wenn er mit dem Men-schen kämpfen wolle, so werde er ihn auf seinem Eelde finden.Der Löwe geht weiter und erblickt den Menschen, der dasGetreide in Garben bindet. Indem kommt der Esel daher undstürzt von seiner Last gedrückt nieder: die Schafe, die bei ihmsind, gerathen in Angst und rufen nach ihrem Herrn. DerLöwe tritt heran und fragt, worin ihre Arbeiten beständen undwer ihr Herr sei. Sie antworten: »wir sind Knechte des Men-schen; ein jeder von uns erhält seine Nahrung von ihm undverlangt nichts Anderes«. Der Löwe erkundigt sich, wo derGewaltige hingegangen sei. Sie antworten: »in den Wald,dort Holz zu hauen«. Da schleicht der Fuchs herbei; der