THIERFABEEN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 375
zu seinem Vater zu gehen, damit dieser als höchster Richterüber sie entscheide. Sie leisten einander den Eid, sich nichtzu verletzen, bis sie bei dem Alten angelangt seien. Sie machensich auf den Weg, aber der listige Mensch führt seinen Feinddahin, wo er seine Stricke gelegt hat. Der Löwe ist bald mitseinen Vorderfüssen hinein verwickelt und verlangt Hülfe, aberder Mann verweigert sie, weil er geschworen hat, ihn nicht zuberühren. Mühsam schleppt sich der Löwe weiter: nicht lange,so geräth er auch mit den Hinterfüssen in die Stricke und 9kann sich nicht mehr regen. Da haut der Mann einen Knüttelvon einem Baum und schlägt mit allen Kräften auf den Löwen.» Schlag nicht auf meinen Kopf, Rücken und Leib«, ruft dieser,-» schlag auf meine Ohren, weil sie meines Vaters Gebot nichthören wollten; schlag auf mein Herz, weil es seine Lehre nichtachtete«. Das Männlein thut, wie er verlangt, und schlägtihn todt.
Wie manches der spätere Meistergesang mit dieser Er-zählung gemein hat, so ist doch seine Unabhängigkeit davonnicht zu bezweifeln: die Überlieferung ist dort theils erweitert,theils eingeengt, hat aber an innerer Vollständigkeit und Aus-bildung verloren. Man wird den Gehalt dieser Fabel nichtverkennen, der an sich schon ein höheres Alter verbürgte, wennsich dieses auch nicht hätte nachweisen lassen. Wahrscheinlichgeht es noch weiter hinauf; denn es lag in dem Geist derältesten Thiersage, die Zustände zu schildern, die sich bildeten,als der Ackerbau die Wälder verdrängte, die Einsamkeit derWildnis aufhörte und die Thiere sich zurückziehen mussten:nothwendig war damit die Anerkennung menschlicher Klugheitund der Sieg derselben über die rohe Kraft verbunden.
Der Extravagante an die Seite zu stellen ist die Sage, wiesie sich bei Barachja erhalten hat (No. 106). Der Löwe, derKönig der Thiere, erkrankt, lässt seinen Sohn vor sich kommenund ertheilt ihm gute Lehre. »Herrsche in Frieden,« sprichter zu ihm, »sei stark und muthig. Nimm deine Nahrung ausden Thieren, aber hüte dich vor dem Menschen: du bist stärker,er aber ist listiger; er trägt einen Bogen in der Hand, er legtdir Schlingen und gräbt dir eine Grube. Er hat keinen Herrn