THIEEFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 373
darüber; dieser macht ihm Vorwürfe, dass er des Vaters Lehrennicht achte und so wüthe, dass niemand mehr bei ihm bleibenwolle. Er führt ihn in seinen Wald, der mit wilden Thierenangefüllt ist. Da erblickt der Jüngste einen Weidmann, dersein Garn stellt, und verlangt alsbald von seinem Bruder, ersolle ihn zerreissen. Dieser führt des Vaters Gebot an, mitkeinem Menschen den Kampf zu beginnen. »Was geht michdes Alten Gebot an«, ruft jener und läuft hin, den Jäger zuzerreissen. Er geräth aber in die Stricke, die dieser gelegt hat,und wird mit einem Knüttel aufs Genick geschlagen. »Schlagzu«, spricht der Löwe, »es geschieht mir recht, warum habeich auf die Lehre meines Vaters nicht geachtet: den Narrenmuss man mit Kolben lausen«.
In Paulis Schimpf und Ernst Cap. 18 wird dieselbe Über-lieferung erzählt, dem Inhalt nach übereinstimmend, nur dassder Eingang etwas verschieden lautet: »wir lesen von einemlöwen, der hett zwen sön, die wolt er versorgen, und gab iek-lichem ein frauwen. zu der ehesteuer gab er jedem einen waldund drei lehren, die solten sie behalten dieweil sie lebten«.Beide Erzählungen sind ziemlich gleichzeitig, da die erste Aus-gabe von Schimpf und Ernst im Jahr 1522 erschien. Paulideutet auf eine schriftliche Quelle, und die wird auch derMeistersänger gehabt haben. Ich kann sie nicht nachweisen,wohl aber ältere Darstellungen, deren Verwandtschaft bei allenAbweichungen unzweifelhaft bleibt.
Zunächst eine etwa dreihundert Jahr ältere. Sie findetsich in den von Franz Pfeiffer (Haupts Zeitschrift 7, S. 349)bekannt gemachten Beispielen. Der Löwe hat hier nur einenSohn, dem er bei Annäherung des Todes eine Lehre ertheilt:»zuerst sei freundlich gegen die Deinigen, so wird dein Lebenglücklich sein. Alle Thiere auf Erden sind dir unterthan, nurnicht der Mensch; den sollst du meiden. Seiner Stärke undKraft bist du wohl gewachsen, aber nicht seiner Klugheit; gegendie kommst du nicht auf«. Der Alte stirbt; der junge Löwedenkt: »warum soll ich den Menschen nicht anfallen? Ich binjung und stark, er ist schwach und listig: ich will mich schonhüten«. Er macht sich auf und sucht den Menschen so lange,