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4 (1887)
Seite
372
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372 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.

auf seiner Fahrt über einen See, in welchem er eine MengeFrösche erblickt. Von Hunger gequält, lässt er sich herab. Alser aber den Kopf ins Wasser steckt, rutscht das Tüchlein mitdem Geld darüber hinab und sinkt auf den Grund. Der Storchsucht mit seinem langen Hals geraume Zeit, doch vergeblich.Er muss endlich weiter fliegen, hasst aber die Frösche, weil erihnen den Verlust des Geldes beimisst.

Der Inhalt der Fabel ist hübsch, die Erzählung einfachund natürlich, und der Ausdruck verräth mehr Gewandtheit,als man bei Meistersängern dieser Zeit erwartet. Ich vermuthe,dass ein älteres Gedicht zu Grund liegt, etwa von Heinrich vonMüglin, dessen Fabeln in dieser Weise aufgefasst sind; unterden bekannt gewordenen findet sie sich jedoch nicht. Ganzgeschickt ist an die Äsopische Fabel angeknüpft, die denStorch zur Herrschaft über die Frösche gelangen lässt. Warumer sie schlecht behandelt, wird dort nicht gesagt; hier erfahrenwir den Grund seines Hasses. Doch in einem Umstand scheintdie Überlieferung verderbt: nicht der Wolf musste darin auf-treten, sondern der Fuchs, mit dem der Storch eher in Ge-meinschaft leben konnte, und dessen Natur es angemessenwar, seinen Gesellen listig um sein Geld zu bringen, währender sich dabei noch scheinheilig anstellen konnte. Dem Fuchswar es ein Leichtes, die Schuldner durch den Raub der Hühnerund Gänse schon hinlänglich in Schrecken zu setzen; der Wolfwar dazu nicht nöthig.

Der zweite Meistergesang erzählt von einem alten Löwen,der, bevor er stirbt, jedem seiner beiden Söhne einen grünenWald zuweist und ihnen drei Lehren der Weisheit ertheilt.Erstlich sollen sie mit dem Menschen, der sie an Stärke über-treffe, keinen Kampf beginnen, sodann mit ihren Nachbarn inFrieden leben, endlich die Wälder in Ehren halten, damit dieThiere ihre Jungen darin gross ziehen. Der Älteste befolgtdiese Lehren, und es geht ihm wohl; der Jüngste missachtetsie, fängt übermüthig mit seinen Nachbarn Streit an, so dass7 niemand in seiner Nähe bleibt, und würgt eine zahllose MengeThiere, mehr als er verzehren kann: die übrigen fliehen, undder Wald verödet. Er beklagt sich bei seinem älteren Bruder