THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN. 371
geistlosen, handwerksmässigen Dichtung, und doch würde ihreUntersuchung immer noch Früchte bringen, vielleicht einigeunerwartete. Die hiesige königliche Bibliothek besitzt unterihren Handschriften vier mit Meistergesängen angefüllte Bände(Ms. germ. fol. 22—25), die wahrscheinlich der Singschule inNürnberg zugehörten: in zweien sind auch Musiknoten aufge-zeichnet. Die umfangreichste und gehaltvollste ist No. 23, dieehemals Achim von Arnim besessen hat. Sie enthält 250 Stückeund ist von mehreren Händen geschrieben, aber im Vergleichzu den drei anderen Sammlungen mit mehr Sorgfalt, so dassauch der Text lesbarer ist. Zuweilen ist das Jahr der Abfassungangemerkt, und danach fallen sie in die erste Hälfte des Jahr-hunderts zwischen 1529—1551.
In dieser Handschrift habe ich drei Thierfabeln (No. 45. 160.249) gefunden, die meines Wissens noch unbekannt sind. IhrInhalt ist eigenthümlich, und da ich bei zweien ältere Auf-fassungen nachweisen kann, so regen sie vielleicht nähere Theil-nahme an.
Die erste handelt vom Wolf und Storch. Die beiden habensich zusammengethan und errichten eine Weinschenke.*) DasGeld wird gemeinschaftlich eingenommen; als aber der Gewinnnach einem halben Jahr soll berechnet werden, sieht es schlechtaus: kaum die Hälfte der Gäste hat gezahlt, das Übrige stehtauf Borg. Der Wolf zeigt sich grossmüthig; »ich will aufmeinen Theil verzichten,« spricht er, »du sollst keinen Verlusterleiden: lieber will ich erfrieren, als dass man spräche, ich ewäre gewaltsam mit dir verfahren«. Der Storch antwortet:»ich muss fort in ferne Lande, liebster Geselle, gib mir dasbaare Geld, du kannst dafür die Schulden eintreiben. Wenndie Schuldner nicht zahlen wollen, so nimm ihnen Gänse, Kühe,Schweine und Schafe und treib sie hinweg«. »Da du so sehrnach dem Geld verlangst«, sagt der Wolf, »so will ich es dirohne Zaudern geben«. Er bindet es in ein Tüchlein, das erdem Storch um den Hals hängt und das leicht über den schmalenKopf geht. Der Storch erhebt sich in die Luft und kommt
*) [Vgl. unten S. 399 Holzschnitt zu einer Fabel.]
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