370 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.
zu einer neuen, nicht idealen, aber gesunden Poesie bemerkliebmacht, Zeugnisse von der Fortdauer der einheimischen Thier-fabel liefert. Burkhart Waldis und Erasmus Alberus gewährenleider nichts, obgleich sie sich nicht auf die ihnen zugänglichenÄsopischen Fabeln beschränkten, sondern auch manches, wasihnen sonst zur Hand war und den Namen einer Fabel nichtverdiente, aufnahmen: ja der zuletzt Genannte gerieth auf denseltsamen Einfall, die Äsopischen Apologe an ihm bekannteÖrtlichkeiten anzuknüpfen. Besonders bei Waldis, der an freiemBlick und gewandtem Ausdruck jenem weit vorsteht, ist zu be-klagen, dass er die beste Quelle nicht aufgesucht hat. Der un-ermüdliche Hans Sachs, der die Augen überall hinwendete, woer für seine Gedichte passenden Stoff finden konnte, hat zwarvon dorther die schönen Erzählungen von dem junggeglühtenMännlein und von des Herrn und des Teufels Gethier (Haus-märchen S. 147. 148) empfangen, leider aber kein Thiermärchen.Aus Rollenhagens Froschmeuseler wird hernach etwas mitzu-theilen sein. Aber in dem Mückenkrieg des Job. ChristophFuchs, der aus dem Italienischen übersetzt ist, so wenig als inWolfart Spangenbergs Ganskönig ist eine Spur des Sagenhaftenzu entdecken, und im Äsopus Hulderich Wolgemuts, der an5 361 Fabeln zusammengebracht und vieles aus Alberus und Wal-dis zugefügt hat, findet sich nichts Neues vor.
Indessen bin ich durch einiges da überrascht worden, woich es nicht erwartete, in den Meistergesängen des sechzehntenJahrhunderts, deren erstarrte Form selbst bei H. Sachs voneinem frischen Luftzug bewegt wird. Die Meistersänger holtenihren Stoff zumeist freilich aus der Bibel, sie nahmen aber auch,was sich sonst darbot, alte Geschichte aus den Chroniken, Er-zählungen aus den Übersetzungen des Boccaccio, der Centonovelle, des Bidpai, aus dem Phädrus, Avianus und Romulus:sie verschmähten nicht die Schwanke Eulenspiegels, berichtetenauch wohl Ereignisse, die sie mit angesehen hatten, oder stelltenbloss moralische Betrachtungen an. Das alles ward nach denpeinlichsten und engsten Gesetzen gleichmässig zugeschnitten.Von den eigentlichen schulgerechten Meistergesängen sindnatürlich die meisten noch ungedruckt: man erschrickt vor dieser