368 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.
und Gerhard von Minden, dauerte die Fabeldichtung, wenn auchin minder belebter Auffassung, fort; unter diesen haben Boner undGerhard nur Weniges, was nicht auf Äsop zurückzuführen wäre.In dem fünfzehnten Jahrhundert begegnen uns zwei, abernicht in deutscher Sprache abgefasste werthvolle Sammlungen,aus denen wir eine Anzahl von Thiersagen kennen lernen, dievon den Äsopischen unabhängig sind und schon deshalb Auf-merksamkeit verdienen. Die eine enthält die sogenannten Extra-vaganten, die in der ersten Ausgabe von Steinhöwels Äsop imi Jahr 1480 ans Licht traten. Ich glaube, sie sind ursprünglichaus dem Munde des Volks aufgenommen und gleich in latei-nischer Prosa niedergeschrieben worden. Steinhöwel fügte einein den späteren Ausgaben allein beibehaltene deutsche Über-setzung hinzu. Der Name des Verfassers ist ebenso unbekanntals seine Heimath und Zeit: möglich, dass er ein Paar Jahr-hunderte früher gelebt hat. Wenn er, wie man aus einigenAusdrücken schliesst, im nördlichen Frankreich oder in Flandernzu Hause war, so gibt uns die uralte Verwandtschaft der fran-zösischen Thiersage schon ein Anrecht darauf. Ausserdem be-finden sich unter den siebzehn Fabeln mehrere, die uns nichtfremd sind, wie die siebente und elfte (Hausmärchen 132 und 48),ja eine der eigenthümlichsten, worin erzählt wird, wie der Wolfin dem Wahn, ihm sei Glück verkündigt, überall ins Unglückgeräth, ist noch bei uns in verschiedenen Gegenden bekannt(J. W. Wolf Deutsche Hausmärchen S. 419, Leo Haupt undJ. E. Schmaler Volkslieder der Wenden 2, S. 161 — 164). Dieandere Sammlung besteht aus hebräischen Fabeln, die der RabbiBarachja Nikdani, wie Melchior Hanel, der sie ins Lateinischeübersetzte, ihn nennt, oder Berachja Hannakdan (Punctator)nach Wolfs Bibliotheca hebraica (1, S. 272. 4, S. 800), um dasJahr 1260 dichtete. 1 ) Der Titel kündigt Erzählungen an vom
') Das Zeitalter des Berahjah han-niqdan oder besser han-naqdan ist vonWolf Bibliotheca hebraica I S. 167. 272 falsch um 1400 gesetzt worden. SchonJ. B. de Rossi (Codices hebr. Vol. 2, Parma 1803. 8°. p. 57 No. 482) hat mitBeziehung auf Wolf (3, S. 165) den Widerspruch bemerkt, dass ein Sohn(richtiger Enkel) des Genannten eine hebräische Bibelhandschrift der BerlinerBibliothek im Jahr 1334 vollendet habe; Rossi setzt daher den Berachjaliin das dreizehnte Jahrhundert. Steinschneider (in dem gewissenhaften Artikel