THIERFABELN BEI DEN MEISTERSINGERN. 367
Diese Stätigkeit des Thierepos bildet einen Gegensatz zuder Beweglichkeit der Götter- und Heldensage, wo nicht alleindie Freiheit des Geistes zu wahren und der Unterschied zwischenGut und Bös geltend zu machen ist, sie muss, wenn sie fort- 2dauern will, auch den wechselnden Strömungen der Geschichtesich unterwerfen. Die ältesten Lieder besingen die furchtbareHerrschaft der alten Götter, aber diese gehen unter, und milderesteigen auf, zu denen sich Helden gesellen, die den Kampf umdie Macht und den Ruhm ihres Volks als die höchste Aufgabe,Tapferkeit als die grösste Tugend betrachten. Ist der Bodengewonnen, die Heimat gesichert, sind die Verhältnisse geordnet,so kommen andere Geschicke, und andere Wünsche erfüllendas Herz des Menschen. Wir haben in der Gudrun ein glän-zendes Bild von der Kraft, mit der sich die Seele einer Frauunter den widerwärtigsten Verhältnissen erhebt. Zuletzt sinkt,wie in dem Rosengarten, der Ernst des Kampfes zu einemblossen Spiel herab, und das Epos hat sein Ende erreicht. Vondiesen verschiedenen Stufen in der Entwickelung eines Volkeswird die Thiersage nicht berührt. Sie kann lückenhaft werden,wenn äussere Zustände, die Ausbreitung des Ackerbaus, Ge-werbe und städtisches Leben, von dem unmittelbaren Verkehrmit den Thieren in Wald und Feld abziehen, aber sie beharrtin ihrer Natur und hat keine Veranlassung, an ihrem InhaltÄnderungen vorzunehmen. Der Fuchs übt seine Listen wieder Wolf seine Grausamkeit in der spätesten wie in der frühstenDichtung: ihnen wird nichts angerechnet, man entschuldigt dieHinterlist, ja man ergötzt sich daran, und der Fuchs, dem jedeBosheit gelingt, geht am Ende als Sieger über alle hervor.
Wer sucht nicht gerne die Wege auf, welche die Thiersageauf ihrem langen Gang eingeschlagen hat? Innere Gründe stellenihr Dasein in den frühsten Jahrhunderten ausser Zweifel: die-trefflichen in Deutschland, den Niederlanden und in Frankreicherhaltenen Gedichte von Reinhart Fuchs, wie einzelne in diesenKreis gehörige Fabeln, weisen auf die im zwölften und drei-zehnten Jahrhundert noch reichlich strömende Quelle der münd-lichen Überlieferung. Bis in die Mitte des vierzehnten Jahr-hunderts, bei Boner, Hugo von Trimberg, Heinrich von Müglin