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4 (1887)
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366 THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.

THIERFABELN BEI DEN MEISTERSÄNGERN.

(Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 11. Januar 1855.)

Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin (phil.-hist.Klasse). 4°. 1855. S. 127.

l xJie Thiersage ist aus dem ununterbrochenen Verkehr des

Menschen mit den Thieren und der dadurch erlangten innigenBekanntschaft mit ihrem eigenthümlichen und heimlichen Lebenhervorgegangen. Dieser nahe Umgang hob sie zu ihm heraufund bewirkte, dass er einen Theil seiner geistigen Vorzüge aufsie übertrug. Die Hausthiere wurden als Glieder der Familiebetrachtet, gepflegt und geliebt: nomadische Völker nennennoch jetzt ihre Pferde Brüderchen und Freundchen, reden zuihnen, als verständen sie jedes Wort, und beweinen ihren Tod,als sei ein Verwandter gestorben. Bei uns lässt der Volks-glaube die Thiere in der Christnacht mit einander reden, unddie Dichtung gibt ihnen die Sprache vollständig zurück, dieihnen durch ein unglückliches Ereignis oder zur Strafe, wiedie nordamerikanischen Indianer von dem Biber glauben, scheintentzogen zu sein; sie lässt sie überhaupt in dem Widerscheinmenschlicher Verhältnisse leben. Der Inhalt der Dichtungengeht hervor aus der scharf bestimmten, unwandelbaren Naturder Thiere. Der Löwe oder der Bär ist der Stärkste unddarum der Herrscher, der Wolf der Grausamste, der Hirschder Flüchtigste, der Fuchs der Listigste, der Esel der Gedul-digste, der Hase der Furchtsamste, das Schaf das Unschuldigste.Von Lastern oder Tugenden ist weiter nicht die Rede; ihreHandlungen sind Folge ihrer natürlichen Triebe. Die Thier-sage, wie sie auch neue Zweige treiben, die Überlieferung er-weitern und neu gestalten mag, ihr Wesen ändert sich nicht:sie steht auf demselben Grund und Boden und muss, auchwenn sie sich einmal davon entfernt, dahin zurückkehren.