348 ALBANESISCHE MÄRCHEN.
während, wenn es auf Treue und Wahrheit ankommt, sich nurniemand anmassen darf, den Inhalt nach Gutdünken zuzu-schneiden, wegzulassen oder aus eigenen Mitteln Zusätze undVeränderungen zu machen. Der Ausdruck der Überlieferungaber kommt aus der Seele des Erzählenden, und wie schönund zugleich wie natürlich er sein kann, zeigen Runges Platt-deutsche Märchen, in welchen bei warmer und ausführlicherDarstellung kein unwahres Wort gesagt ist. Wer den rechtenSinn hat, der enthält sich ohnehin der geblümten Redensartenund der faden Ironie, die, wenn sie auch nichts hinzuthut,immer die echte Farbe abwischt.
Jetzt werden uns von noch südlicheren Völkern die Über-lieferungen zugeführt. Herr Dr J. G. v. Hahn, östreichischerConsul für das östliche Griechenland, hat die günstige Gelegen-heit benutzend nach ihren inneren Zuständen wenig bekannteLänder mit eindringendem Blick beobachtet und die Fruchtseiner Bemühungen in einem umfangreichen Werk, das ebenunter dem Titel: Albanesische Studien erschienen ist, nieder-gelegt. Für die Grammatik der toskischen Mundart und fürdie Beiträge zu einem albanesischen Wörterbuch wird ihm dieSprachwissenschaft Dank sagen; er belehrt uns aber auch überdie Sitten, Gebräuche und den Glauben jener Völker, theiltSprichwörter und Redensarten mit, zuletzt fünf toskische Mär-chen, von denen ich hier nähere Nachricht geben will. Wie-wohl sichtbar auf einheimischem Boden gewachsen, stehen siedoch in unverkennbarer Gemeinschaft mit den deutschen. Naivist die Formel, womit ein jedes anhebt, und bezeichnet glück-lich Wahrheit und Dichtung des Märchens: »es war und eswar nicht«, ebenso der Schluss: »dort war ich, fand aber nichts«.Die magyarischen (bei Stier) fangen ähnlich an: »wo wars? wowars nicht?« oder: »was war, was nicht war, sag ich nicht.«Das erste erzählt von einer jungen Frau, die in dieFremde verheirathet ist und Sehnsucht nach ihrer Heimath379 empfindet. Eine Alte kommt und ist bereit sie heimzuführen.Es ist eine Hexe, auxysvsCa (Hundsauge), die vier Augen hat,nämlich ausser den gewöhnlichen noch zwei am Hinterhaupt,die man aber nicht sieht, weil sie mit dem Kopftuch bedeckt