ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 327
XXII.
Ich werfe noch einen Blick auf unsere Zeit. Die ursprüng-lichen, aus der Natur der Dinge hervorgegangenen Gesetzeverfallen, sobald ihre Nothwendigkeit nicht mehr empfundenwird, und erliegen zuletzt den Einwirkungen Einzelner, dienach Gutdünken daran ändern und damit weitere Willkür her-vorrufen. Wie fern steht unsere Zeit der Mannigfaltigkeit, mitwelcher die alte Dichtung verschieden anlautende Reime durchrührende unterbrach, vollkommene mit unvollkommenen, diesewieder in ihren vielfachen Abstufungen wechseln liess und denGleichklang erweitern oder auf eine Silbe beschränken durfte.Wie ward dadurch der einfache, ungesuchte Ausdruck gefördert,der den Gedanken rein und vollständig auszusprechen gestattet. 706Es fällt mir nicht ein, die Herstellung dieser alten Freiheit zu 186verlangen, die sich doch der Veränderung nicht hätte entziehenkönnen und im Volkslied, wo sie noch fortdauert, verwilderte;denn das ist der andere entgegengesetzte Abweg, auf welchendas Naturgemässe geräth, wenn es von dem lebendigen Geistverlassen wird. Es ist ferner nicht abzuwenden, auch nichtzu tadeln, dass künstliche Behandlung auf grössere Schärfe derForm dringt und nach zierlicher Ausführung strebt. Aber zuder Genauigkeit des dreizehnten Jahrhunderts können wir es dochnicht wieder bringen, nachdem die Sprache so manche ursprüng-liche Verschiedenheit der Laute aufgegeben, verwandte ver-mischt und gleich gemacht hat. Zu jener Zeit war durch dasRecht, zwei kurze Silben als eine lange gelten zu lassen, denersten Fuss in drei Silben auszudehnen und die Senkung manch-mal zu unterdrücken, bei dem einfachen Reimpaar der er-zählenden Gedichte eine Bewegung des Verses möglich, dieden Gedanken des Dichters zu begleiten vermochte und dieEintönigkeit, die man dieser Form oft vorgeworfen hat, abzu-wenden wusste: uns ist, auch in den prächtigsten Stanzen,kaum etwas anderes übrig geblieben, als der iambische odertrochäische Fluss, der unaufhaltsam fortströmend durch seineintöniges Rauschen ermüdet und das sorgsamere Aufhorchen