328 ZUR GESCHICHTE DES KEIMS.
einschläfert, zugleich aber dem Reim, weil er den Gedankenauf sich hinzieht, ein ungebührliches Gewicht verleiht. Umaber den gleichmässigen Schritt halten zu können, erlaubt mansich Dehnungen und Zusammenziehungen, ' die unserer Aus-sprache widerstreben und die man nur erträgt, weil man darangewöhnt ist; wofür die alte Kunst feste Gesetze hatte, das wirdjetzt nach Laune und Willkür behandelt. Bei dem Reim meintman die letzte Höhe der Kunst erstiegen zu haben, wenn manihn in völliger Reinheit auftreten lässt, und doch ergötzt ermehr das Auge des Lesenden als das Ohr des Hörenden. Manhat, gleichsam als Entschädigung für den Zwang, die gehäuftenAssonanzen der romanischen Gedichte einführen wollen, aberwie musste man sich winden, um sie in erforderlicher Ab-wechslung und Menge zu liefern, und dabei wollte man leichtund anmuthig erscheinen. Nach meiner Meinung ist es, zu-mal im mehrsilbigen Reim, unbedenklich, verwandte, in derAussprache wenig unterschiedene Vocale zuzulassen: im drei-zehnten Jahrhundert, wo diese Laute genauer und schärferunterschieden wurden, konnte man mit reinem Gleichlaut demOhr gefällig sein und hatte in der Strophe die Erlaubnis, durcheine ausser dem Reim stehende Zeile, durch den sogenannten707 Waisen, ihn zu unterbrechen. Man betrachtet es als einen187 Vorzug, dass man den rührenden Reim als unbeholfen aus-schliesst, und hat doch nur einen Vortheil aufgegeben. * Rückertgebraucht zuweilen rührende Reime. * Man „kann die Gesetzedes klingenden nicht mehr beachten, weil man sie nicht kenntund leben:geben, Schlangen:Wangen, Labung:Begabung, Ver-hängnis : Bedrängnis für Reime ganz gleicher Art hält. Warumwill man jetzt, wo etwas Besseres unerreichbar ist, sich unnützeSchwierigkeiten aufbürden? Goethe hat solche Fesseln niemalsgeduldet, und wenn er es gethan hätte, ich zweifle, dass dieLieder, die ihm aus voller Brust strömten, solche Macht aus-üben und in so vertrauliche Nähe rücken würden. Beginntdoch eins davon mit einem Reim, dessen sich die Anhänger derstrengen Regel schämen würden, mit Lettern: vergöttern, undwer möchte freudvoll: leidvoll, betrübt: liebt geändert sehen?Platens Reime, die unter der schärfsten Zucht gestanden haben,