326 ZUE GESCHICHTE DES EEIMS.
Künstlichkeit, die alles durchdringen sollte. Sichtlich schiebenihn die Ausgezeichneteren zur Seite, Reinmar, Walther undFreidank, Wolfram: selten gestatten ihn die Dichter des Eraclius,des Athis, des Herzogs Ernst, Stricker, Rudolf von Ems, Rein-bot von Dürn: Hartmann gebraucht ihn in seinem ersten Werk,dann aber hält er damit zurück. Am zulässigsten schien ernoch, wenn eins von den rührenden Wörtern oder beide in705 Zusammensetzung standen, weil diese die Verschiedenheit des185 Anlauts, die der gewöhnliche Reim fordert, vertraten. DassKonrad von Würzburg ihn so viel als möglich beschränkte,war zu erwarten: der Dichter des Passionais, des jüngerenTiturels, des Lohengrins, Frauenlob und Boner sind sehr spar-sam damit. Bei den späteren Meistersängern galten die aequi-voca (so nannte man diesen Reim nach Wagenseil S. 528) sogarfür einen argen Fehler. Nur Gottfried von Strassburg scheuteihn nicht, und andere, wie Wirnt, Fleck, der Dichter des GrafenMai, gebrauchten ihn mit Vorliebe. Als besondere Zierde scheintihn Gottfried von Neifen betrachtet zu haben; mit künstlicherVerflechtung ist er in zwei Liedern (8, 22. 38, 26) angebracht,so dass kein anderer Reim dazwischen kommt. Zwei andere(23, 8. 34, 26) sind ganz damit angefüllt; einzelne Strophendieser Art haben Meister Alexander (MSHag. 3, 28 b ) und derMeisener (MSHag. 3, 101. XIH, 3) geliefert. Man sieht dasSchwanken der Ansichten, das nicht ausbleibt, wenn die Sicher-heit der Überlieferung aufhört. Das Ubermass im WelschenGast begreift man, wenn man bedenkt, dass Thomasin, der nichtin seiner Muttersprache dichtete, die Reime suchen musste undsich half, so gut es gieng. Ich habe die Zusammensetzungenmit -lieh -liehe -liehen -heit -schaft und -tuom gesondert, weildarin die Verschiedenheit der Ansicht am deutlichsten zu Tagekommt. Unter diesen sind wiederum -lieh -liehe -liehen diemerkwürdigsten; denn bald sehen wir alle drei Formen ge-braucht oder verworfen, bald eine, bald zwei. Die Wahr-nehmung selbst bietet ein gutes kritisches Hilfsmittel dar, aberes ist schwer, die Gründe der verschiedenen Ansichten nach-zuweisen.