324 ZÜR GESCHICHTE DES REIMS.
fächern Reimpaar noch mehr den lyrischen der Wechselstumpfer und klingender Reime vortheilhaft. Lichtenstein Hessdiesen Wechsel in den meisten Liedern, im Frauenbuch undin den Büchlein des Frauendienstes gelten; in der Erzählungdes Frauendienstes aber herrscht der stumpfe. Auch dichtete erLieder, in welchen nur stumpfe (z. B. 402, XV. 406, XVII)oder nur klingende (403, XVI) angewendet sind. Den einfachüberschlagenden Reim, der in der zweiten Hälfte des zwölftenJahrhunderts Eingang fand, kann man einen glücklichen Fort-schritt nennen, wie die daraus sich entwickelnde Verflechtungder Reime in der erweiterten, kunstvoll gegliederten Strophe;mit Mass und Geschick wussten sie Hartmann, Wolfram undWalther in ihren Liedern zu verwenden. Man empfindet da,welche Vortheile der Reim gewährt und was Reizendes undAnmuthiges darin liegt. Wie schön hat Goethe*) diese Wir-kung durch das Erstaunen und Wohlgefallen der griechischenHelena im Faust ausgedrückt, als der volltönende Gleichklangzum ersten Mal ihr Ohr berührt. Aber die Kunst artet leichtin Künstelei aus, das haben die den Meistern folgenden Lieder-dichter hinlänglich gezeigt. Nicht bloss suchte man auffallendeund seltene Wörter für den Reim, man erfand willkürliche undunfruchtbare Gesetze, welche die Schwierigkeiten bei seinemGebrauch häuften. Schon Gottfried von Neifen missbraucht ihn,wenn er ihn mühselig, aber mit grosser Gewandtheit in einemLied (oben S. 568 [= S. 197]) so weit aus einander bringt, dasser ganz zu fehlen scheint und das Bindende und Verknüpfende,worin sein Wesen und seine Kraft ruht, völlig unwirksam ge-worden ist. Der gebrochene, der grammatische Reim, dieKörner und Pausen sind Spielereien.
Ich will den Weg bezeichnen, den die Kunst einschlug,um die alte Freiheit zu beschränken. Der ungenaue Reim, denOtfried sehr massig und mit natürlichen Schranken gleich demDichter der Samariterin anwendet, der aber in der Folge häu-figer und zugleich roher ward, dauerte bis über die Mitte deszwölften Jahrhunderts fort. Man kann sagen, dass er sich be-
*) * 41, 218 (Ausgabe von 1822). Goethe über den Keim 48, 83. *