322 ZUR GESCHICHTE DES BEIMS.
aber ungezähmten Naturkraft des Heidenthums. Wahrschein-lich, wenigstens nach den erhaltenen Denkmälern zu urtheilen,war Otfried der Erste, der die Strophe mit dem Reim in einemgrösseren Gedicht anwendete, aber in einigen, allerdings seltenenFällen kommt die Alliteration auch bei ihm noch zum Vor-schein, wie Lachmann (Über Otfried S. 281) schon nachgewiesenhat, und ebenso in dem 138. Psalm (Meyer S. 18); man kannsie als Gegensatz zu den vorhin erwähnten vereinzelten Reimenin den alliterierenden Gedichten betrachten. Sie finden sichauch neben dem Endreim in einem lateinischen Gedicht desziemlich gleichzeitigen St. Galler Mönchs Hartmann (Canisius2. 3, 130 Basnage), z. B.
sie mandat ipse maximus magister summi filius.ast qui felices fertili glebas foeeundat germineillum laetantem cumulat fruetus laboris centuplex.
Ganz entschieden mit dem zweisilbigen Endreim verbunden zeigtsie sich in den etwa um ein Jahrhundert älteren lateinischen702 Gedichten der Angelsachsen Aldhelm und Ethilwald (Altdeutsche182 "Wälder I, S. 127. 128). Ich kann nicht mit Sicherheit be-haupten, dass man die völlig reimlosen Zeilen Otfrieds (essind einige mehr, als Meyer S. 17 anführt,) als Nachwirkungenältester Zeit betrachten müsse*), da sie vielleicht in einem kri-tischen Text verschwinden (so ist I 18, 9 leicht zu helfen, wennman Höht ans Ende setzt), aber zulässig bleibt die Vermuthungum so mehr, als, wie wir gesehen haben, in den älteren lateinischenHymnen nicht selten Strophen ohne allen Reim vorkommen.Die Abstufungen des ungenauen Reims, in denen er sich ent-wickelte und ausbildete**), lassen sich bei Otfried deutlich be-merken: oft ist der Unterschied von dem völlig reinen nur nochgering, und dieser, der einsilbige wie der zweisilbige, ist schonso weit vorgerückt, dass er überwiegt; in dem rührenden, wo
*) * Nach Haupt zeigen Otfrieds reimlose Zeilen nur Nachlässigkeit oderunvollkommene Kunst, s. Monatsberichte der Akademie 1856, S. 578. Vgl.Kelle in der Einleitung zu Otfried. *
**) * In einer Handschrift des elften Jahrhunderts ein reimloses deutschesGedicht, ist ein einzelner Versuch eines Geistlichen, Haupt Monatsberichte derAkademie 1856, S. 579. *