ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 321
aussetzte, durch den Anschluss an die Hebung der metrischenBewegung sich anschmiegte und durch freiere Stellung undhäufigere Wiederkehr minder reizte. Eben darin lag der Grund,warum sie untergieng: man bedurfte eines stärker wirkendenGleichlauts, der zugleich durch die unveränderliche Stellung amSchluss der Zeile die Aufmerksamkeit stärker anregte. Im 701Norden verschwand das alte, einfache Fornyrdalag. Die Allite- 181ration erhielt sich zwar in künstlicher Ausbildung, erscheintaber auch in regelmässiger Verbindung mit dem Endreim, derin der volksmässigen Form von Runhenda das Übergewicht er-langte und ein- und zweisilbig mit voller Reinheit auftrat. DieAlliteration war für die älteste Dichtung, die über Anhöhenhinschreitend mit kurz zugemessenen, oft formelhaften Wortendie mythische und geschichtlich umgewandelte Sage erzählte,die natürlichste Form. So finden wir sie in den eddischenLiedern und in dem von den Angelsachsen auf die britischeInsel hinübergebrachten Beowulf: so zeigt sie sich auch inden deutschen aus jener Zeit übrig gebliebenen, zum Theil aufdas Heidenthum hinweisenden Liedern. *) In dem späterenniederdeutschen Heljand (abgesehen davon, dass das Evangeliumjede Berührung, auch die von einer Dichterhand abweist,) fühltman schon, dass diese Form nicht recht mit dem Inhalt sicheinigt und für eine breitere, ruhigere Erzählung nicht gemachtwar.**) Dem milden, weichen Geist Otfrieds und seiner Red-seligkeit musste sie widerstreben, und es war natürlich, dasser sich der Strophe mit dem Reim zuwendete. Übertraf ihnder Verfasser des Heljands an Geist und Kraft, so dringt beiihm in den belebteren Stellen eine grössere Innigkeit und eineNatürlichkeit des Ausdrucks hervor, in welchem man den Ein-fluss der durch das Christenthum umgewandelten Zeit erkennenmuss. Die alte Darstellungsweise wurzelte in der grossartigen,
*) * Alliteration die Urform deutscher Dichtung, Haupt Monatsberichteder Akademie J 856, S. 579. Alliteration in Distichen dos Venantius Fortunatuss. Böckings Ausonius S. 108. Alliteration in der mittellateinischen Hofdichtungs. Haupts Zeitschrift 11, S. 1—29. Alliteration bei Otfried, Simrock Nibelungen-strophe S. 51—62. *
**) * Vgl. Geschichte der Sprache S. 511. *
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. IV. 2 1