Druckschrift 
4 (1887)
Seite
319
Einzelbild herunterladen
 

ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 319

schon fertige Entwickelung zu ihren Anfängen zurücklenkenwollen und den richtigen Weg glücklich gefunden; denn auchdieser freie Reim hat seine natürlichen Grenzen. Und wie istes gekommen, dass sein Werk, die Arbeit eines gelehrten Geist-lichen, die schwerlich grossen Einfluss auf die Volksdichtunggewann, nachhaltig genug wirkte, um die Dichter der Samariterinund des Ludwigsliedes, ja alle übrigen bis gegen die Mitte deszwölften Jahrhunderts zu bestimmen, diesen freien Reim anzu-wenden? Die meisten von ihnen gebrauchen ihn nicht blosshäufiger, sondern auch roher als Otfried, unter welchen gleichder Verfasser des 138. Psalms, der nicht viel später mag gelebthaben, sich bemerklich macht. War der Weissenburger Mönchihr Vorbild, so haben sie ihn schlecht aufgefasst: kannten sieaber den Reim durch die lebendige Überlieferung, so darf mansich nicht wundern, dass er allmählich sank und dass zu derZeit, wo er untergieng, oft die Hälfte der Reime ungenau war.Er konnte in dem Zustand, in dem wir ihn bei dem PfaffenKonrad oder dem Dichter des Königs Rother erblicken, nichtlänger bleiben, ohne völlig zu verwildern.

Das Wenige, was sich aus der Zeit vor Otfried erhaltenhat, ist mythischen oder epischen Inhalts, und bei dem Vortragdieser Dichtungen wird Singen und Sagen noch keinen Gegen-satz ausgemacht haben. Bloss gesungene Lieder jener Zeit,vulgares cantilenae, sind nicht auf uns gelangt; doch bestimmteZeugnisse lassen an ihrem Dasein nicht zweifeln. Die canticarustica et inepta oder turpia et luxuriosa, wie die Geistlichenin ihrem Widerwillen sie schalten, mögen sich auf wirkliche,nicht absichtlich vorausgesetzte Ereignisse bezogen haben, wie 700dies bei echten Volksliedern geschieht, aber sie giengen doch 18 °von besonderen Gefühlen und Stimmungen aus, die durch solcheBeziehungen sollten ausgedrückt werden, und mussten sich da-durch von den bloss mythischen und epischen unterscheiden,hat doch das eddische Lied, das den Schmerz der Gudrun beiSigurds Leiche ausdrückt, einen lyrischen Grundton. Wurdensie mit wiederkehrender Melodie gesungen und diese war, aus-genommen die Tanzleiche, welche die wechselnden Bewegungenbeim Reigen begleiteten, nothwendig, so mussten sie in Strophen