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4 (1887)
Seite
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318 ZUR GESCHICHTE DES REIMS.

trachtungen daran zu knüpfen; das war sein eigentliches Ziel.In diese Richtung wird vor ihm kein Gedicht, am wenigstenein weltliches Lied eingegangen sein, und wir erblicken hierzum ersten Mal die Dichtung nicht von dem Geist des Volks,sondern von der eigenthümlichen Bildung eines besonderenStandes und von der persönlichen Begabung eines Einzelnengetragen und durchdrungen. Aber wie abweichend auch OtfriedsAuffassung war, so ist doch höchst wahrscheinlich, dass er,ungeachtet seiner Abneigung vor der weltlichen Volksdichtung,nicht bloss herkömmliche Redensarten und Sprüche darausbeibehielt, sondern auch die ganze äussere Form, mithin auchden Reim. Die Armuth, die Wackernagel in dem Gebrauchdesselben bemerkt, ist der Volksdichtung eigenthümlich und inden Nibelungen noch grösser. Erst die Kunstbildung gefälltsich in reichem, häufig gesuchtem Wechsel der Reime: dortaber wird das überlieferte Mittel auf die einfachste und un-schuldigste Weise verwendet, gerade wie die Darstellung beialler Tiefe der Gedanken so schlicht ist, dass die höfischenDichter mit Geringschätzung darauf blicken zu dürfen glaubten.Wer eine fremde Form abborgt, pflegt sie nur äusserlich zu er-greifen; er empfängt nicht zugleich ihr inneres Leben. Woher699 hat Otfried die feinen, aber nicht erdachten Gesetze, womit er179 leicht und sicher, als folge er nur der Überlieferung, den rüh-renden Reim, den erweiterten, den doppelten, den ungenauenund den angehäuften behandelt, Gesetze, die nach und nachverschwanden, weil man sich von ihnen keine Rechenschaft zugeben wusste? Gewiss nicht aus den lateinischen Hymnen, inwelchen sie nur zum Theil und unvollkommen beobachtet sind.Noch eine andere Frage. Wenn Otfried den Reim lateinischenDichtern entlehnte, so war er auf vollen Gleichklang angewiesen,der zu seiner Zeit bei jenen schon durchgesetzt war, warumist er davon abgegangen? Was berechtigte ihn zu einer solchenFreiheit? Auf diesen Einwurf zielt wohl Wackernagels Be-merkung, dass Otfried die Latinität zu verdeutschen gewussthabe; er meint die Einführung des ungenauen Reims. Dochdieser ist nichts als der naturgemässe Beginn des Gleichlauts,und man müsste annehmen, der deutsche Dichter habe eine