ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 317
und Christian lebte einige Zeit an dem Hof des Grafen Philippvon Flandern.
Altenglische, durch die Sammlungen von Ritson und Weberbekannte erzählende Gedichte des dreizehnten Jahrhundertshaben das einfache Reimpaar wahrscheinlich den Franzosen ab-gelernt. Ich habe darin ausser der Reinheit des Reims Vor-liebe für den zweisilbigen bemerkt.
XX.
Nachdem Bildung und Gebrauch des Reims betrachtet ist,darf ich die Frage nach seinem Ursprung berühren. Gleich-klang findet sich leicht unbeabsichtigt und von selbst ein undist wahrscheinlich von den meisten Völkern schon in frühenZeiten in der Dichtung oder doch in Formeln und Sprüchenangewendet worden. Man kann also von dem Erfassen undHervorheben desselben reden, wie von seiner Fortbildung und 698endlichen Herrschaft, nicht aber von einer plötzlich auftauchen- 178den Erfindung. Diese Ansicht ist schon öfter geäussert worden,wie die gelehrte Zusammenstellung der verschiedenen Meinungenüber seinen Ursprung von Ferdinand Wolf (Über die LaisS. 161—166) nachweist. Neuerdings hat sich in Beziehung aufden deutschen Reim eine Stimme von Gewicht dagegen erhoben.W. Wackernagel (Geschichte der deutschen Nationallitteratur§ 30) erklärt es für unzweifelhaft, dass Otfried den Reim ausden lateinischen Gedichten kennen gelernt und zuerst angewendethabe. Da in den wenigen aus der vorotfriedischen Zeit auf unsgekommenen Denkmälern oder Bruchstücken die Alliterationsich zeigt, die zwar auf einem Gleichlaut, aber ganz andererArt beruht und sich von dem Endreim wesentlich unterscheidet,so müsste durch Otfried, den geistlichen Dichter, eine neueKunst eingeführt und auf einmal ein völliger Umschlag erfolgtsein. Freilich trat bei ihm in anderer Beziehung ein verschie-denes Verhältnis ein; die lateinischen Hymnen, der Verherr-lichung der Gottheit und des religiösen Lebens gewidmet, lassenwohl eine Betrachtung oder Lehre einfliessen, und das werdenauch andere Gedichte gethan haben, aber Otfried erzählt dasEvangelium in der Absicht, seine sittlichen und geistlichen Be-