Druckschrift 
4 (1887)
Seite
311
Einzelbild herunterladen
 

ZUR GESCHICHTE DES REIMS. 311

dass in demselben Reimpaar die eine acht, die andere dreizehnSilben (4, 26. 27) enthält, die eine fünf, die andere zwölf (6,29. 30). Der Reim ist einsilbig oder zweisilbig, genau oderungenau; es zeigt sich die Unsicherheit, welche der Auflösungeiner organischen Ordnung folgt. Die lateinischen Gedichtedieser Zeit sind, wie wir gesehen haben, schon zu vollerRegelmässigkeit des Reims mit entschiedenem Übergewichtdes zweisilbigen gelangt; man wird also nicht annehmen dürfen,dass sie auf diese neue, noch rohe Form irgend Einfluss gehabthaben. Der Grund dieser Erscheinung lag darin, dass dieeigenen Betrachtungen und Gedanken des Dichters anfiengen,sich geltend zu machen oder die Erzählung, durch lebendigeÜberlieferung nicht mehr gezügelt, ungehemmt sich ausdehnenwollte: mit anderen Worten, die Persönlichkeit des Dichterstrat in die Dichtung ein. Auch bei dem einfachen Reimpaarmusste jede Zeile, wie in der Strophe, vier .Hebungen fordern;da aber die natürliche Schranke einmal durchbrochen war, soward anfänglich die Regel nicht mehr empfunden: man ver-minderte die Hebungen willkürlich, bis man bei höherer Aus-bildung wieder auf den rechten und natürlichen Weg kam. Injener Weltbeschreibung lassen sich längere Stellen ausheben,die leidlich gegliedert sind und das Gesetz zu befolgen suchen,wenn auch ungeschickt und fehlerhaft. In diesem Streben liegtmir der Beweis seines Daseins. Ich theile eine solche Stelle 693mit, die mit geringen Änderungen könnte regelrecht gemacht 173werden.

do ich z'Uztrihte quam,

vand ich einin [vili] guoten man,

den vili guoten Reginpreht.

er uopte gerno allez reht:

er was ein wisman,

so er gote gizam.

ein erhaft phaffo,

in aller slahte guote,

der sageta mir ze wäre,

sum (1. sam) andere gnuogi dare,

er wäre wile (1. wilen) givarn in Islant,

dar michiln rihtuom vant

mit holze erline,