302 ZÜR GESCHICHTE DES REIMS.
Ratpertus (Canisius II 3, 202), der in das Ende des neuntenJahrhunderts fällt. In dem Lied auf die Zerstörung des KlostersMontglonne im Jahr 848 von 39 Strophen (Meril S. 255) haltensich bis auf wenige Ausnahmen vierfache, einsilbige und zwei-silbige, immer genaue Reime ziemlich das Gleichgewicht. Ineiner Hymne von Notker Balbulus (Canisius II 6, 218—219),der im Jahr 912 starb, ist jede der zwölf Strophen durchge-reimt, aber die zweisilbigen Reime wiegen vor. Zwei Lieder,eins auf Rom, das andere auf einen Knaben, aus einer Hand-schrift des zehnten Jahrhunderts (Meril S. 239. 240) zeigen in685 jeder der drei Strophen, aus welchen sie bestehen, durchgereimte105 Zeilen. Da aber die Reime sämmtlich zweisilbig und genausind, so kann ich der Vermuthung bei Meril (S. 239 Anm. 5),wonach die Gedichte in das siebente Jahrhundert gehören sollen,nicht beitreten. Mit der Ausbildung des Reims in dieser Zeitsteht in auffallendem Widerspruch der Leich von den beidenHeinrichen, der in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhundertsgedichtet ist; denn darin sind die Reime einsilbig und ungenau,vielleicht weil es schwer war, lateinische und deutsche Wörterin vollen Gleichklang zu bringen. Ein Hymnus Fulberts,Bischofs von Chartres, der im Jahr 1029 starb, ist in allenfünf Strophen regelmässig (Fabricius S. 708): jede enthält zweiReimpaare mit ein- oder zweisilbigem, fast ganz genauem Reim.In der lateinischen Übersetzung des deutschen Liedes Radpertsauf den heiligen Gallus (Meril S. 156) von Eckehart IV, derenStrophen aus fünf Reimpaaren bestehen, hat der zweisilbige,immer reine Reim entschieden die Oberhand. So verhält essich ferner in den Gedichten aus dem Ende des elften Jahr-hunderts, in den Liedern auf den Tod Wilhelms des Eroberersim Jahr 1087 (Meril S. 294), in dem Gesang auf den erstenKreuzzug (Meril S. 297), aus dem ich den rührenden Reimpassus est : perforatus est : confixus est: redemptus est anführe,und in der Hymne auf Maria Magdalena (Meril S. 150). Indiese Zeit oder etwas später sind jene merkwürdigen, ins Latei-nische übertragenen, im Anhang zum Waltharius bekannt ge-machten Volkslieder zu setzen. Bei Herrad von Landsberg inder Mitte des zwölften Jahrhunderts finden sich nur noch