296 ZUR GESCHICHTE DES REIMS.
wachsen oder sich in Binnenreime zurückziehen. Da ihn keinZwang hervorrief und er alle Zeit in der Minderzahl blieb, sokonnte er weder dem Dichter noch dem Zuhörer lästig werden:einen entschiedenen Vortheil sehe ich darin, dass er nur eineSilbe und selten die Wurzel eines Wortes ergriff; denn dadurchward einem zu grossen Einfluss gewehrt, und doch bestand da-neben die Freiheit, wenn es sich so fügte, den stärkeren zwei-silbigen und zwar den genauen wie den ungenauen einfliessenzu lassen. Dieser Wechsel musste die Anmuth und Bedeutungder rhythmischen Gliederung erhöhen, und der Gebrauch desGleichklangs war ebenso natürlich als kunstgerecht. Es ändertenichts, wenn ein Dichter ihn häufiger, der andere seltener an-wendete, wobei der Zufall walten konnte, so wie es noch kein
680 Übermass war, wenn er in einigen Zeilen oder in ein Paar
160 Distichen ohne Unterbrechung fortgieng.
In dieser glücklichen Stellung beharrte er ohne wesentlicheÄnderung bis in die karlingische Zeit. Aber es pflegt zu ge-schehen, dass eine aus der Natur der Dinge hervorgegangene,glücklich entwickelte Form, wenn man ihre Bedeutung nichtmehr empfindet, der Freiheit beraubt und in ein starres Gesetzgebunden wird, das immer schwierigere Bedingungen auflegt.Von dem Schluss des neunten Jahrhunderts an erblicken wirden leoninischen Keim in beständigem Vordringen, bald imKampf mit der alten Freiheit, bald in entschiedenem Über-gewicht. Noch ist er einsilbig, aber im elften Jahrhundert er-hebt sich der zweisilbige, der bisher nur vereinzelt erschienenwar, und strebt nach der Herrschaft, die ihm nach langemSchwanken im Beginn des zwölften Jahrhunderts zufällt. Beiseinem schweren Tritt wird die erfolgte Umwälzung erst rechtfühlbar. Sein voller Klang mag dann und wann, bei leichtemFluss der Rede, gerne gehört werden, aber auf die Länge wirddies eintönige Geläute unerträglich. Im dreizehnten Jahrhunderttreten weitere Anhäufungen des Reims und Künstlichkeitenaller Art hinzu, die jeden freien Athemzug des dichterischenGeistes ersticken.